Ostern, oder saufen für den Endtopf

An Ostern fahren viele in den Süden, wir auch. Wir wollen an den Comer See. Einfach nur relaxen, auf das Wasser schauen und dort ein paar schöne Tage verbringen, so der Plan. Unsere Reisepläne sind bisher nie aufgegangen, auch dieses mal nicht. Unser Reiseverhalten ist nicht für Pläne gemacht, wir entziehen uns der Planbarkeit, nicht bewußt, doch der Keim des Unwägbaren begleitet uns auf all unseren Reisen. Wir lassen ihn zu, denn nur dadurch bekommt unser Reisen einen Sinn. Wir erinnern uns im Nachgang in erster Linie an die Mißgeschicke der Reise, nicht an die geglückten Situationen und die schönen, meinetwegen auch romantischen Momente. Diese Reise ist gespickt mit Unwägbarkeiten, die wir Gott sei Dank gemeistert haben.

Das landschaftliche Panorama bei St. Moritz ist beeindruckend. Der St. Moritzersee ist Mitte April noch von einer dicken Eisschicht bedeckt. Sils Maria ist nicht weit und man kann Nietzsche vieles vorwerfen, aber er hatte in der Wahl seines Sommersitzes definitiv keinen schlechten Geschmack. Auf einer Höhe von über 1800 m ü. M. fühlt sich auch heute noch jeder Zarathustra wohl:

„Hier saß ich, wartend, wartend, – doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.
Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei –
– Und Zarathustra ging an mir vorbei …“

Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft (1882)

Wir sind am Ursprung des Inns, den wir die ganze Zeit durch unsere Fahrt durch das Engadin gefolgt sind.

Parkuhren am St. Moritzersee. In der Schweiz hat alles seinen Preis.

Über den Malojapass fahren wir ins italienische Chiavenna. Das letzte Stück geht in Zickzackkurven nach unten, dabei fühlen wir uns an die Fahrt des Trollstigens zurückversetzt, nur daß um diesen Pass nicht so ein großes Bohei gemacht wird. In der Lombardei herrscht noch Maskenpflicht im Supermarkt und selbst auf den Gehsteigen sieht man ältere Menschen mit Masken laufen. Wir wollen zum Comer See und ein paar Tage nur dümmlich auf den See starren. Wie so oft bei Seen und Bergen geht unser Plan auch dieses Mal nicht auf. Wir laufen am See spazieren, genießen das Panorama und gruseln uns vor der Masse an Campern, die wie die Ölsardinen in ihren Wagenburgen aufeinander sitzen. Nach einem obligatorischen Espresso in einem Café abseits der Seemeile suchen wir das Weite. Nur weg von hier, ab in die Pampa.

Am Ufer des Comer Sees.

Wer nach der Pampa ruft bekommt sie auch, manchmal mehr als einen lieb ist. Von Moggio aus führt der Culmine San Pietro-Pass auf einer Strecke von ca. 18 Kilometern nach Vedeseta. Er verbindet das westlich gelegene Tal Valsassina mit dem östlichen Val Taleggio. Auf dem Pass sind viele Motorradfahrer unterwegs. Für LKWs ist die Benutzung untersagt. Ein Verbotsschild für Wohnmobile steht in Moggio nicht, deswegen sehen wir keinen Grund, den Pass nicht zu befahren. Nach kurzer Zeit wird die Straße einspurig und die Ausweichbuchsen sind nur sehr sporadisch vorhanden. Wir hoffen, daß von der anderen Seite kein Camper so irre ist, den Pass zu benutzen, ansonsten hätten wir ein ernsthaftes Problem. Uns kommen fast nur Kleinwagen entgegen. Bei einem Pickup müssen wir schon bis an die Abbruchkante rangieren. Seitliche Absperrungen gibt es nur selten und falls doch, sehen sie nicht sehr vertrauenswürdig aus. Direkt neben der Straße geht es wie an einer Klippe hunderte von Metern steil nach unten. Wir sind froh, als wir Vedeseta erreichen.

In Piazza Brembana stehen wir alleine an einem Platz neben dem Wertstoffhof. Grillstellen sind vorhanden, ein Brunnen plätschert vor sich hin und würde uns kostenlos Wasser bescheren. Die moderne Stromsäule nehmen wir dankend an, denn unser Kühlschrank braucht Strom und um diese Jahreszeit leistet unser Solarpanel nur einen geringen Ertrag. Einheimische laufen vorbei und grüßen, Hunde bellen in der Nähe und im Wohnblock gegenüber werden wir registriert. Der aus dem Fenster rauchende Italiener im weißen Unterhemd hat uns längst erspäht. Dennoch fühlen wir uns an diesem Ort wohler, als an den anonymen und mit Menschen überfüllten Plätzen direkt am See.

Ein „Frauenbier“ am Abend.

An Karfreitag fahren wir nach Mezzoldo, einem kleinen Dorf in der Provinz Bergamo. Bei einer kurzen Rast auf dem kommunalen Stellplatz stellen wir fest, daß der Endtopf unseres Auspuffes auf dem Boden hängt. Nach einer schnellen Inspektion stellt sich heraus, daß das Rohr direkt hinter dem Topf gebrochen ist. Diese Situation hatten wir bereits vor nicht einmal zwei Jahren während unserer Reise durch Deutschland. In Perleberg haben wir uns damals einen neuen Auspuff montieren lassen. Nun ist er nach kurzer Zeit erneut defekt. Genau an der gleichen Stelle gebrochen. Was für eine Qualität wird heutzutage eigentlich angeboten? Wenn wir uns so zurück erinnern, war früher ein Auspuffwechsel nach frühestens fünf Jahren fällig. Da musste man mit den Karren aber schon einiges an Kilometern runter schruppen. Bereits während der Fahrt in der Nähe von Nürnberg hören wir seltsame Geräusche. Erst ein Scheppern, dann ein Pfeifen und Fiepen. Daß die Ursache beim Auspuff zu suchen wäre, schoben wir von uns. So lange haben wir den ja nicht dran. Jedoch bringt ein drücken des Endrohrs mit dem Schuh die Geräusche zum Verschwinden. Wir hätten es also besser wissen müssen. Trotzdem fahren wir weiter und irgendwann verschwinden die Geräusche schließlich. DerTag in Mezzoldo ist für uns beide natürlich gelaufen. Wir sind beide deprimiert, jeder auf seine eigene Art und Weise. Wir gehen früh ins Bett und versuchen diesen Tag aus unserem Bewußtsein zu streichen. Nach einer kurzen Fahrt zum Einkaufen am nächsten Tag wird für uns klar, daß wir nicht ohne Endrohr weiter fahren können. Die Abgase verwirbeln unter dem Fahrzeug, drücken in den Innenraum und erhitzen den Kunststoff unseres Abwassertanks. Doch woher bekommen wir an Ostern in Italien einen neuen Auspuff? Nirgends. Deswegen entscheiden wir uns für die MacGyver-Lösung. Aus unseren leeren Jever-Bierdosen ist mit Hilfe einer Schere und eines Schweizer Messers schnell ein provisorisches Rohr gebaut. Danach umwickeln wir es mit mehreren Lagen Alufolie und befestigen es mit Tesa-Reparaturband am Abgasrohr- bzw. an der Aufhängung am Wagenboden.

„Wir haben da mal was vorbereitet.“
Das Ausgangsmaterial für unseren neuen Endtopf.
Genügend Material haben wir immer mit an Bord.
Mit Alufolie und Tesa Reparaturband wird die Konstruktion stabilisiert.
Bei der Montage.
Das Endrohr nach der Montage bewährt sich in der Praxis.

Am nächsten Tag entscheiden wir uns, den längeren Rückweg über Bergamo und den Gardasee anzutreten, statt über irgendwelche Alpenpässe den Weg in den Norden zu suchen. Das Konstrukt soll halten und bei der Fahrt auf der Autobahn sind die Chancen dafür definitiv höher. Aus der Übernachtung in Verona wird nichts. Die Stadt ist an Ostern heillos überfüllt. Die von uns angefahrenen Plätze sind alle belegt. Im Etschtal, bei Farrara di Monte Baldo (Brentino) erreichen wir am Abend einen kostenlosen kommunalen Stellplatz, der bis auf die letzte Bucht voll mit Campern ist. Direkt neben der Brennerautobahn A22 liegt er sehr verkehrsgünstig und bietet sich als Zwischenstopp an. Auf dem Platz stehen wir zwei Tage und lassen die Ostersonne auf uns wirken.

Das Dorfpanorama von Brentino.
Ein Brunnen an der Treppe zum Sanktuarium Madonna della Corona.

In Bozen kaufen wir noch einmal ein. Nudeln, Kapern und Sardellen im Glas. Vor allem Nudeln sind hier günstiger als in Deutschland und so decken wir uns mit diversen Packungen ein. Selbst in Südtirol ist die Fischtheke üppig bestückt: Vongole, Miesmuscheln, Kraken, Doraden und sonstige Köstlichkeiten. Wir genießen den Anblick ein letztes Mal. In Österreich erwarten uns im Supermarkt wie in Deutschland nur geräucherte Makrelen und Fischabfall in Mayonnaise ertränkt. Wer hätte gedacht, daß die Spritpreise in Italien günstiger sind als in Deutschland? Leider ist unser Tank noch gut gefüllt und wir werden erst in Österreich wieder eine Tankstelle ansteuern. Die „Geiz-ist-geil“-Mentalität muß ja nicht völlig unser Handeln bestimmen. Auf dem kommunalen Stellplatz in Benediktbeuern stehen wir die erste und letzte Nacht unserer Reise.

Auf Wiedersehn Albanien- ein Fazit

Vor unserer Reise nach Albanien wussten wir so gut wie nichts über dieses Land. Sicher, der Name der Hauptstadt war uns geläufig, ebenso dessen ungefähre geografische Lage. In deutschen Medien taucht Albanien in der Regel nur in Verbindung mit Drogengeschäften im großen Stil auf. Nicht nur der europäische Kokainhandel soll von Albanien aus koordiniert werden, auch der Großteil illegaler Cannabisprodukte werden in Albanien produziert. Gesehen haben wir allerdings keine einzige Hanfpflanze, was wohl daran lag, daß wir nach der Ernte anreisten, wie uns Einheimische erklärten. Bei der Erwähnung unseres Reisezieles gingen die Reaktionen von Freunden und Bekannten im Vorfeld unserer Reise alle in die gleiche Richtung. Der Griff in die Schubladen der Vorurteile machte aus den Albaner entweder „Gauner“, oder „Messerstecher“, oftmals auch beides gleichzeitig. Wohl wissend, daß das Unbekannte auf der einen Seite der Mystifizierung und Glorifizierung anheimfallen kann, auf der anderen Seite aber regelmäßiger die eben erwähnte Abwertung hervorruft, wollten wir uns ein eigenes, unbefangenes Bild von Land und Leuten machen. Bereist haben wir ein Land, das uns landschaftlich enorm beeindruckt hat. Von den albanischen Alpen im Norden, bis zu griechisch geprägten Landstrichen im Süden des Landes. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen wirkte auf uns in den ersten Tagen befremdlich. Wir sind es nicht gewohnt, von einem Wildfremden einfach etwas geschenkt zu bekommen, ohne Hintergedanken. Oftmals wurde uns zugewunken und vor allem Jugendliche haben uns auf Englisch und Deutsch angesprochen. „Welcome to Albania“ hörten wir nicht nur einmal. Und Deutschland wird von vielen in den höchsten Tönen gelobt. Als Arbeiter waren auch viele schon für eine gewisse Zeit dort und können deswegen ein paar Brocken Deutsch. Irgendwoher müssen ja die billigen Arbeiter unserer Subfirmen kommen. Die Gemüsestände am Straßenrand bieten heimisches Obst und Gemüse von sehr guter Qualität an. Der Knoblauch ist saftig, die Gurken und Auberginen sind verschrumpelt, krumm und fleckig, schmecken aber intensiv. Bei uns im Supermarkt sucht man diese Qualität vergebens. So etwas findet aufgrund seines Aussehens seinen Weg in die Auslagen nicht. Albanien ist das einzige europäische Land, in dem man mit dem Camper frei stehen darf. Davon haben wir regen Gebrauch gemacht und an keinem Ort hatten wir ein Problem. Im Gegenteil, die Begegnungen mit den Einheimischen waren immer freundlich und so mancher hätte uns auch kostenlos Wasser für unseren Camper zur Verfügung gestellt. Bei den zahlreichen Polizeikontrollen am Straßenrand wurden wir immer durchgewunken. Es kursiert auch die Geschichte im Netz von der Polizeistreife, die sich bei einem frei stehenden Camper erkundigte, ob denn alles in Ordnung sei, oder ob er noch etwas bräuchte. In der ganzen Zeit hatten wir keine einzige Situation, in der wir uns unsicher fühlten. Um es mit den Worten Arvis zu sagen: „Seit froh jetzt hier zu sein, vor der großen Veränderung. So habt ihr Albanien noch einmal gesehen, bevor der Tourismusboom und die EU die Seele der Albaner beschädigen“. Dem können wir nur zustimmen.

Fischer in der Bucht von Orikum.
In einem „guten Lokal“ in Orikum. Die Bohnensuppe war sehr schmackhaft, der Oktopus dagegen buckelhart und die Fische waren zu Tode fritiert. Nach dem Essen hatten wir beide Dünnpfiff. Vermutlich war der Raki schuld 🙂
Der flugunfähige Krauskopfpelikan Johnny.
Eine osmanische Festung.
Bei einem höllischen Wendemanöver auf dem Weg zur Burg Rozafa ist der Schmutzlappen abgefallen.
Unser Stellplatz am Skutarisee, am Tag vor unserer Abreise aus Albanien.
Grenzübergang nach Montenegro bei Han i Hotit.
Landschaft in Montenegro.
Grenzübergang nach Bosnien und Herzegowina.
An unserem Übernachtungsplatz bei einem alten Kloster.

Grenze Albanien/Montenegro: Anstellen, Pässe zeigen, Laderaum auf. An der albanischen und an der montenegrinischen Grenzstation.

Grenze Montenegro/ Bosnien-Herzegowina: Anstellen, Pässe zeigen, Laderaum auf. An der montenegrinischen und an der bosnischen Grenzstation.

Grenze Bosnien-Herzegowina/ Kroatien: Anstellen, Pässe zeigen, Laderaum auf. An der bosnischen und an der kroatischen Grenzstation.

Und immer diese geklonten bulligen Typen, die aus ihrem Häuschen heraus schnauzen: „Open luggage“. Das „please“ fehlt, möchte man antworten, doch ein Reflex der dem Eigenschutz dient, verbietet der Zunge die Artikulation. Also Klappe auf und Klappe zu. Seitentür auf und zu. Nein wir haben keinen Schnaps, Käse, Zigaretten und den ganzen Kram den Menschen anscheinend gerne über Grenzen bringen. Und immer die Frage, wohin wir wollen. Natürlich nach Hause: „Home“, „Transit“. Mit diesen beiden Worten ist jeder Grenzbeamte zufrieden zu stellen. Ab Dubrovnik fahren wir die Küstenstraße nordwärts. An einem schmalen Streifen von ein paar Kilometern liegt diese auf bosnischem Gebiet. Und selbst dort gibt es keine Transitlösung, sondern Grenzstationen mit dem vollen Zirkus. Als der kroatische Beamte wissen möchte was sich bei unseren Auto in der Klappe hinten rechts befindet, antworte ich: „Gas chamber“, da mir die korrekte Bezeichnung „Gas box“ im Moment entfallen war. Er nickt zustimmend und gibt sein O.K. zur Weiterfahrt. Für einen kroatischen Grenzer ist es anscheinend völlig normal, wenn ein Deutscher seine Gaskammer immer mit an Bord hat. Bei der Fahrt auf der Küstenstraße zieht die Landschaft von Bosnien-Herzegowina und Kroatien an uns vorbei. Ein Postkartenmotiv nach dem anderen. Kleine Ortschaften, in malerischen Buchten gelegen, eine jede mit seiner Marina und einem kleinen Strandabschnitt. Nur die frei laufenden Tiere fehlen seit Albanien. Kein Schwein, Esel, Pferd, Huhn, Rind, Schaf und Ziege. Nirgends. Nicht einmal Straßenhunde sieht man. Vermutlich werden sie wie in Serbien von kommerziellen Fängern aufgegriffen und in Tötungsstationen gebracht. Die gewohnte Ordnung hat uns wieder. Kroatien wirkt (zumindest in diesem Teil) sehr sauber, zu sauber für unsere immer noch albanisch geprägten Sinne. Leitplanken, Sicherungszäune, Verbotsschilder. Das Freistehen ist in diesem Land nicht erlaubt und wird auch in der Nachsaison geahndet. So mancher wurde nachts schon aus dem Bett gescheucht und musste weiterziehen. Sympathisch klingt das für uns nicht. Da sind die Italiener toleranter und selbst in Deutschland ist es kein Problem, auf einem regulären Parkplatz zu übernachten.

Dörfer und Buchten an der kroatischen Küstenstraße.

Die albanische Riviera

In Borsh ist der komplette Strandbereich im Wintermodus. Die Läden sind verrammelt, der Strand ist menschenleer. Wir fahren an den Strand, der in Teilbereichen unter seinem Kieselbett mit Sand versehen ist und fahren uns bereits nach zwei Metern fest. All unsere Versuche, die Vorderreifen frei zu schaufeln und mit Steinen zu unterfüttern scheitern. Der Wagen gräbt sich nur immer tiefer in den Sand. Ein paar hundert Meter entfernt von uns steht ein Pickup mit Kabinenaufbau. Gerade als ich mich auf dem Weg zu ihm mache, fährt er mir entgegen. Ich halte den Pickup an und bitte um Hilfe. Es handelt sich um ein französisches Paar. Mit ein paar Brocken Französisch und Englisch ist unser Problem schnell umrissen. Mit seiner Winde zieht er uns aus dem Sandbereich. Seine Frau filmt mit ihrem Handy die „Rettungsaktion“. Wir bedanken uns bei Thiery und es freut ihn sichtlich, daß wir unseren Dank in seiner Sprache artikulieren. Sie winken, wir winken und wir alle wünschen uns noch eine gute Reise.

Unser Van verträgt keine Fahrten im Sand.
Wir waren bis zur Ölwanne eingegraben. Auch das unterlegen von Steinen führte nicht zum Erfolg.
Die „treue Seele“ von Bosh.

Dhermi ist um diese Jahreszeit ebenfalls touristisch verwaist. Alles dicht. Am Strand stehen Camper aus den Niederlanden, Belgien und Tschechien. Kein Wunder, der Platz ist schließlich bei Park4Night gelistet. Wir parken etwas abseits. Am Abend kommen wir mit Toni ins Gespräch. Er bietet uns Raki an, den wir dankend annehmen. Toni arbeitet auf der Baustelle gegenüber. Wir unterhalten uns mit ihm. Ein paar Brocken deutsch und italienisch. Abends entzündet er mit seinen Baukollegen ein Feuer neben unserem Van. Die anderen Camper aus den Niederlanden und Belgien setzen sich dazu und die Zusammenkunft erinnert an die Sprachverwirrung von Babel. Die Albaner grillen Hackfleischrollen, während wir unsere Aubergine und eine Knolle Knoblauch auf den Rost befördern. Wir sitzen auf Campingstühlen, die Albaner lassen sich auf einer mit gebrachten Richtlatte nieder. Es folgt eine gemeinsame Feuerschau, unterbrochen von kurzen Fragen und Antworten aller Teilnehmer. Wenn Europa lebendig ist, dann hier an diesem Feuer. Nicht in den Katakomben von Brüssel oder Straßburg. Hier und jetzt, in seiner fragilen Zusammensetzung, sprachlich rudimentär, aber echt. Ein verbindendes Feuer wie seit tausenden von Jahren. Die Sonne geht unter über einem singenden Meer.

An der Riviera entlang.
Die Altstadt von Vuno.
Der Strand von Dhermi.
Im Hintergrund die Dachkuppel eines Bunkers.
Feuer, Raki, Gespräche.
Zusammen am Feuer.
Schon wieder ein Bunker, diesmal am Gebirgspass.
Am Llogara-Pass. Rechts unten der Strand von Dhermi und im Hintergrund die schemenhaften Konturen der Berge auf Korfu.

Von Apollonia nach Butrint

Apollonia liegt auf einer leichten Anhöhe. Wir kommen abends an und und haben uns den Besuch der archäologischen Anlage für den nächsten Tag vorgenommen. Nach einem kurzen Spaziergang entdecken wir einen Camper mit Haßfurter Kennzeichen. Die beiden sind aus Knetzgau und vor dem Dauerregen in Griechenland nach Albanien geflüchtet. Nach einer angenehmen Unterhaltung nebst Besichtigung ihrer Pickup-Kabine verabschieden wir uns, da wir noch kochen müssen. Apollonia wirkt auf uns unaufgeregt, nicht nur deshalb, weil bisher nur ca. 6% der historischen Stadt frei gelegt wurde. Das Areal ist einfach schön. Es macht Spaß, hier den Tag zu verbringen. Wir sind über drei Stunden dort. Oktavian, den Christen durch die Weihnachtsgeschichte wohl eher bekannt unter seinem Ehrentitel „Augustus“, hatte hier eine Zeit lang studiert. Als Zeichen seiner Wertschätzung wurde die Stadt später von ihm von allen Steuerverpflichtungen befreit.

In Gjirokaster, dem „Höhepunkt einer Albanienreise“, wenn man Reiseführern glauben mag, hält es uns nicht lange. Wir schlendern durch den modernen Bazar, der in den Gassen auf dem Weg zur Burg liegt, die eindrucksvoll die Stadt überragt. Dabei wundern wir uns über den hier angebotenen Kitsch und suchen relativ schnell das Weite. Das „Rothenburg“ Albaniens brauchen wir nicht. Stattdessen fahren wir einen etwas außerhalb gelegenen Campingplatz an, um wieder mal so richtig zu duschen.

Butrint liegt auf einer Halbinsel, in Sichtweite zur griechischen Insel Korfu. In der Antike hatte die Stadt eine bedeutende kulturelle und geostrategische Rolle. Julius Cäsar und Kaiser Augustus gehörten unter andern zu den Gästen der Stadt. Nach der klassischen Mythologie wurde diese alte Stadt, bekannt unter dem Namen „Buthrotum“, von den Verbannten, welche die gefallene Stadt Troja verließen, gegründet. Das heutige archäologische Areal ist sehr weitläufig und es stehen noch viele Gebäudereste aus der hellenistischen bzw. byzantinischen Epoche.

Reste des „Rathauses“ bzw. des Buleutorions von oben.
Restbestände des antiken Odeons.
Klosterkirche aus dem 14. Jahrhundert.
Im ersten Stock befindet sich ein gut bestücktes und informatives Museum.
Urige Brücke aus Grünholz.
Was sich wohl hinter der Tür befindet? Wir vermuten der Staubsauger und die Putzeimer.
Das Spiel der Formen.
Darin läßt sich einiges lagern.
Grabsteine
Die Geburt der Aphrodite, 3. Jhd. v. Chr.
Ein Fruchtbarkeitsgott, 2. Jhd. v. Chr.
Grabstein mit Amazonengruppe, 3. Jhd. v. Chr.
In Gjirokaster.
Sehr teure Fähre nach Butrint, 10€ für hundert Meter Wasser.
Sonnenuntergang über Korfu.

In der Osum-Schlucht, oder irgendwas ist immer

Auf dem Weg von Berat in die Osum-Schlucht hören wir ein schleifendes Geräusch. Ein Blick unter den Van und wir erkennen die Ursache sofort. Das Lochband, das unseren Abwassertank am Wagenboden fixiert ist gerissen. Bei näherer Untersuchung stellt sich heraus, daß es komplett durchgerostet und nicht mal für eine provisorische Lösung zu gebrauchen ist. Mit unserer Wäscheschnur binden halten wir den Tank so gut es geht in Position. In Deutschland würden wir einen Baumarkt anfahren, doch in Albanien gibt es solche Märkte nur selten und auch nur in den großen Städten. In Albanien wird alles, von Lebensmitteln bis zum Heizkörper in Tante-Emma-Läden angeboten. Größere Supermärkte, wie die italienischen Conad-Märkte sehen nur von den Gebäuden her bombastisch aus, das Sortiment ist oftmals gleich, nur übersichtlicher präsentiert, folgt also nicht dem „Kraut-und Rüben“-Prinzip der kleinen Läden. Wir werden die Augen offen halten müssen, ansonsten fragen wir bei einer der zahlreichen Werkstätten, die ebenfalls Hinterhofcharakter haben. Die einzigen Autohäuser (Audi, Mercedes) wie wir sie gewohnt sind mit ihren weltweit gleichen Franchisefasaden , haben wir bei der Durchfahrt Tiranas gesehen:-) Doch in solchen modernen Tempeln wird nicht gearbeitet, dort wird nur verkauft, soviel Wissen über diese Läden läßt sich von Deutschland sicher auch auf Albanien übertragen. Wegen eines Lochbandes würden wir zuhause schließlich auch nicht zu Gelder, Sorg & Co. gehen, sondern eher zu Wolfschmidt.

Endstation für uns in der Osum-Schlucht.
Der gute Stahl darunter aus Hoxhas Zeiten wird schon halten :-))
Ab hier ist ein Allradfahrzeug anzuraten. Schwaben waren auch schon hier, wie man an dem Aufkleber oben sieht: „Nett hier, aber wart ihr schon mal in Baden-Württemberg“.
Wenn wir uns die Zusammensetzung des Mülls so anschauen, stammt der ausnahmsweise mal nicht von den Einheimischen. Bier- und Weinflaschen, Windeln und Lebensmittel von Conad legen nahe, daß es sich hier um die Hinterlassenschaften von Campern handelt. Hier läßt man den Dreck in der Pampa zurück und zuhause wird dann die ökologische Hypermoral hervorgekehrt, jede Wette!
Der Canyon zur „Blauen Stunde“ am Abend.
Noch eine vertrauenerweckende Brücke.
Mit Kabelbinder am Abwassertank.
In einer Taverne am Weg. Im Hintergrund werden Hühnchen gegrillt.

„Ohridsee? Ihr habt doch den Bodensee…“

Arvi aus Kruja nimmt uns in seinem Wagen mit ins Restaurant. Es gehört ihm, genauso wie der Campingplatz auf dem wir heute Nacht stehen. Seine helfenden Hände sind Guido und Sandra aus Berlin, die im April hier gestrandet sind und ihm beim Aufbau des Platzes unterstützen. Arvis Familie flüchtete bereits in der Zeit des Kommunismus in die Schweiz. Er wuchs dort auf und besuchte eine Waldorfschule. Nach einem köstlichen Essen in seinem Lokal setzt er sich zu uns und wir unterhalten uns über Politik. Deutschland, Europa und die Zukunft Albaniens sind Themen, die wir anreisen. Bei der Frage des Beitritts Albaniens in die EU sind wir einer Meinung. Er wird das Land nachhaltig verändern. Nicht zum Besseren. Die Straßen werden wohl weiter ausgebaut werden, aber für einen Großteil der Menschen wird sich nichts ändern. Die sozialen Gegensätze sind jetzt schon extrem und nach dem Beitritt Albaniens wird die gleiche „kriminelle“ Elite die heute die Drogengeschäfte kontrolliert, die Gelder aus Brüssel abschöpfen. Durch den zu erwartenden „Geiz-ist-geil-Tourismus“ wird das Herz der Albaner auf der Strecke bleiben. O-Ton Arvi: „Seit froh, daß ihr jetzt hier seit, so habt ihr Albanien noch mal vor dieser großen Veränderung gesehen“.

Stellplatz in Kruja.
Erst wird die Kloschüssel fixiert, dann…
… gibt es lecker Essen in Arvis Restaurant.
Das gegrillte Gemüse hatte noch Biss und das Fleisch war butterzart.

Pogradec liegt am Ohridsee und ist eine Stadt mit ca. 21.000 Einwohnern. Die Stadt wirkt aufgeräumt und herausgeputzt. In Verbindung mit der Lage am See, könnte man meinen, in einer Stadt am Gardasee zu sein. Der See selbst ist relativ klein und liegt zum größten Teil auf nordmazedonischem Territorium. Die berechtigte Frage von Arvi: „Was wollt ihr an diesem See? Ihr habt doch den Bodensee“, ergibt für uns erst einen Sinn, nachdem wir ihn selbst gesehen und das einheimische Touristentreiben erlebt haben. Arvis Frage war zumindest berechtigt. Wir fahren nach Korca und bummeln durch die Stadt. Gemüsestände überall. Wir schlagen zu und kommen mit mehreren Tüten Salat und Gemüse so günstig davon, daß wir zwischen Wundern und Schämen hin und hergerissen sind. Wir kaufen zwei Forellen, die vor unseren Augen ausgenommen werden, sie sind also frisch, der Preis von 400 Lek angemessen. Die Händlerin hätte sie uns auf unseren Wunsch hin im Laden gegrillt, doch wir wollen sie in unserem Camper im Topf dämpfen. Die Stadt ist quirlig und wird im Reiseführer auch als das „Paris Albaniens“ bezeichnet. Und hier treffen wir die ersten Menschen, die uns um Geld anbetteln.

Der Ohridsee mit nordmazedonischen Bergen und der Stadt Ohrid im Hintergrund.
Am Ufer des Sees auf albanischer Seite. Im Hintergrund die Stadt Pogradec.
Esel haben hier viel zu schleppen.
Gemüsestand in Korca.
Das christliche Bauwerk in …
…unmittelbarer Nachbarschaft zur Moschee.

Berat, die „Stadt der tausend Fenster“ ist eine touristische Sehenswürdigkeit in Albanien, auch für die Einheimischen. So ganz können wir das nicht nachvollziehen. Sicher, die Stadt ist malerisch an einer Engstelle des Osum-Flusses gelegen. Der Ort wurde bereits 2600 v. Chr. besiedelt und spielte in der Geschichte des Landes unter verschiedenen Herrschaftseinflüssen immer wieder eine wichtige Rolle. Die moderne Fußgängerzone ist gesäumt von Restaurants und Bars. Die Menschen leben vor allem vom Tourismus und in der Umgebung von der Landwirtschaft.

Die „Stadt der tausend Fenster“.
In den Gassen der Altstadt.
Ehemaliger Sitz des Paschas.
Unser Stellplatz in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hotel Colombo.
Die Brücke trennt das christliche und das moslemische Viertel von Berat.
Gegrillt wird alles Mögliche: Maronen, Fisch, Fleisch….

Serpentinen, Heilige und gute Lokale

Die albanische Sprache klingt für unsere Ohren hart und es ist schwer abzuwägen, ob die Worte der Menschen einen freundlichen Inhalt transportieren, oder mit Gehässigkeit gespickt sind. Um so wichtiger ist für uns die Konzentration auf Mimik und Gestik. Bei unseren Begegnungen mit den Menschen in den dünn besiedelten Regionen der Bergtäler des Nordens haben wir bisher nur positive Erlebnisse. Uns wird zugewunken, obgleich der mürrische Blick nie ganz aus den Gesichtern der Menschen zu weichen scheint. Als Dankeschön wird gehupt, wenn wir auf den Straßen ein schneller fahrendes Auto überholen lassen. An den Gemüseständen kommt unserem Naturell entgegen, daß anders als in vielen südlichen Ländern nicht um den Preis gefeilscht wird. Der Preis der Waren ist fix. Bezahlt wird, was der Händler verlangt. Die Preise sind moderat und ohne die oft aufgeschlagene „Touristensteuer“. Lek ist zwar die offizielle Währung des Landes, aber an vielen Orten wird die Begleichung der Rechnung in Euro gerne gesehen, zu unseren Ungunsten, jedoch zum Vorteil der Einheimischen.

Die Festung von Lezhe.
Schweine laufen hier oftmals frei herum.
Die Wallfahrtskirche von Lac.
Diese Treppe nervt von Anfang an.

Das Gewohnheitsrecht der Albaner, der Kanun, wird durch deutsche Medien oftmals auf den Teilaspekt der Blutrache reduziert. Dabei handelt es sich um einen Kanon, der Grenz-, Fischerei-, Jagd-, Erb-, Schuld- und andere Bereiche des menschlichen Zusammenlebens regelt. Im Norden Albaniens ist diese Rechtsauslegung anscheinend auch heute noch gebräuchlich, allerdings zunehmend in pervertierter Form. Wir hoffen mal, daß wir auf orthodoxe Albaner treffen, für die der Gast laut Kanun in besonderer Form geschützt ist. Im Vorgarten unseres Gastgebers sehen wir ein Mühlrad in Miniaturversion direkt vor dem Eingang des Hauses. Glaubt man den Ausführungen in Ismail Kaderes Roman Der zerrissene April, darf niemand in der Nähe eines Mühlrades umgebracht werden. Ein symbolischer Schutz unserer Gastgeber?

Wir fahren zur Lagune von Patok. Nach einem ausgiebigen Mittagessen fällt die Weiterfahrt schwer. Auf einem ausgedehnten Schotterplatz stehen wir gut. Wir trinken Kaffee, lesen und beobachten die Pärchen, die mit ihren Mofas und Autos kommen und gehen, eine Weile am Strand sitzen, reden und aufs Meer schauen. Das Meer klingt wie eine Badewanne, die gerade eingelassen wird. Der Mond erhebt sich im Osten, gesäumt von bläulichem Licht, das mit dem tiefroten Schimmer des Sonnenuntergangs im Westen konkurriert. Am Abend fallen Schüsse, die bis Mitternacht andauern. Keine zweihundert Meter von uns entfernt werden Tontauben geschossen. Manchmal hören wir nach einem Schuß ein leichtes Rieseln auf unserem Fahrzeugdach. Irgendwann hören wir lautes Vogelgreischen. Für unsere Ohren kommt das Geräusch aus dem Kofferraum eines Wagens, der neben dem Gebäude der Schießwütigen parkt. Wir sind uns nicht mehr sicher, ob nur auf harmlose Tontauben, oder auf lebende Vögel geschossen wird, die zuvor mit einer Lichtquelle präpariert werden. So genau wollen wir es auch gar nicht wissen. Der Camper aus Bad Tölz, der näher bei den Schützen stand hat in der Nacht umgeparkt. Am nächsten Morgen steht er genau vor uns.

Daimler, Bunker und Jogginghosen – Albanien

Über einen Zwischenstopp in Bozen, erreichen wir am zweiten Tag unserer Reise Ancona. Von dort aus geht es am nächsten Tag in einer sechzehn stündigen Fahrt mit der Fähre über das Mittelmeer in das albanische Durres. Erinnerungen an Palermo kommen in uns hoch. Die Hinweisschilder zum Anleger sind spärlich und natürlich nur auf italienisch. Die Abwicklung im Fährhafen ist wieder einmal als chaotisch zu bezeichnen. Wir treffen auf einen schweizerdeutsch sprechenden Kosovaren mit ausgeprägten Argauer Dialekt, der uns gesteht, ohne Navigationsgerät hier ziemlich planlos zu sein. Er versichert uns, der Fährhafen in Bari sei um einiges übersichtlicher und strukturierter. Er fährt uns hinterher. Erst zum Supermarkt, dann zum Terminal, das wir unter Zuhilfenahme unseres Navigationsgerätes schließlich finden.

Der Fährhafen von Ancona.
Unsere Fähre nach Durres.
Unsere neue Bekanntschaft, ein schweizerischer Kosovare.
Ancona von der Fähre aus.
Das Lieblingsspiel der Albaner ist Domino.

Der erste Tag in Albanien wirkt auf uns ernüchternd. Es regnet und das orientalische Flair überwältigt uns im ersten Moment. Wir müssen uns erst langsam daran gewöhnen. Die desolaten Nebenstraßen, der allgegenwärtige Müll, die Geschäftigkeit der Menschen auf den Straßen. Nimmt man die albanische Automarkenpräferenz als Maßstab, könnte man meinen in Deutschland zu sein. Daimler, neu und alt überwiegen im Straßenbild. Dazu gesellen sich Modelle der Marken BMW, Audi, und VW. Tankstellen unterschiedlicher einheimischer Marken und Autowaschanlagen sind zahlreich vorhanden. Die Anlagen bestehen entweder aus einfachen klapprigen Carports aus Holz, oder aus Asphaltplätzen mit Ablauf im Boden. Selbst gemalte Schilder am Straßenrand mit der Aufschrift „Auto Lavazah“ weisen den Weg zu den immer gut besuchten Plätzen. An den Straßen stehen Gemüsehändler in ihren provisorisch zusammengeschusterten Ständen und bieten ihre Waren feil. Für einen Bund Knoblauch bezahlen wir weniger als zwei Euro. Neben der Straße grasen Schafe, Ziegen, Pferde, Kühe. Es streunen Hunde umher und manchmal stecken freilaufende Schweine ihren Rüssel in die aufgeweichte Erde. Ein Bauer mit seinem Eselsgespann auf der Hauptverkehrsader, der von einem Range Rover überholt wird, ist keineswegs ein seltener Anblick. Der Menschenschlag erscheint uns auf dem ersten Blick ein wenig „muffig“,aber trotzdem sehr zuvorkommend und freundlich zugleich.

Die Fähre am Koman.
Bitte ohne Ton ansehen. Etwas klappt nicht mit der Konvertierung:-))
Unser Stellplatz und …
…. unser Restaurant unter der Brücke. Man sitzt quasi direkt darunter und schürt am Pfeiler hinten noch ein kleines Feuer.
Einen Bündel leckeren Knoblauch finden wir an jedem Gemüsestand.
Die Valbona.

Luxemburg, Belgien und die deutschen Saubeutel

Seit Tagen versuche ich mich an einem Text über unseren Ausflug nach Luxemburg bzw. Belgien. Es will mir nicht so recht gelingen. Ich möchte berichten über unsere Rast in Entenpfuhl, einem Ort, der historische und biographische Insidenzen in sich vereint. Im Frühjahr 2020, auf unserem Rücksturz aus Portugal in das gelobte „coronasichere Deutschland“ fuhren wir an der A6 an dem Rastplatz Entenpfuhl vorbei. Im August 2021, auf unserem Weg nach Trier, erreichen wir das Forstamt Soonwald Entenpfuhl. Normalerweise kommt hier niemand vorbei, der nicht unbedingt dort hin muß. Aber wir haben unserem Navigationsgerät die Autobahnen ausgetrieben und so müsen wir uns durch die Pampa schlagen. Nicht die schlechteste Option, in der Regel. In dem Ort befindet sich ein Denkmal für den Jäger aus Kurpfalz. Der Kaiser Wilhelm 2nd, der mit dem Schnauzer und den Kriegsambitionen, war hier höchstselbst, um das Denkmal einzuweihen. Wir finden uns sozusagen auf historischem Boden, obwohl der im Moment ziemlich durchnäßt und unbegehbar wirkt. Das Denkmal und seine Umgebung haben ihre besten Zeiten ebenfalls hinter sich. Das Lied „Der Jäger aus Kurpfalz“, ein Lied mit unbekannter Herkunft, war unserem ehemaligen Kanzler Helmut Kohl ein Herzensanliegen. Bei öffentlichen Auftritten ließ er es als Pfälzer gerne spielen, allerdings ohne die Strophen 3-5. Das wäre dann doch zu viel Saubeutelei gewesen, die ursprünglich sexuelle Konnotation des Liedgutes wurde verschwiegen, uns vorenthalten wie die „blühenden Landschaften“. Weiter nach Luxemburg. In Echternach rattern überdimensionierte Entfeuchtungsgeräte, um die Gebäude trocken zu legen. Die Sauer trat über die Ufer, wie an der Ahr. Nur in Deutschland hörte man nichts davon. Luxemburg ist weit weg. Die national-mediale Steuerung funktioniert prächtig. Die erduldete Wasserhöhe durch das Unwetter ist an vielen Sandsteinhäusern sichtbar. Nasser Sandstein zeigt lange seine unfreiwillige Verbindung mit Wasser. Die Kleine Luxemburgische Schweiz, bzw. das Mullerthal überrascht mit urigen Felsformationen und im Vergleich zur Fränkischen Schweiz, mit naturnaher Bewirtschaftung, die in den Wanderbereichen fast schon an forstwirtschaftliches Nichtstun grenzt. In Belgien müssen wir natürlich Pommes frites probieren. In Verbindung mit Moules wird daraus ein Klassiker der belgischen Küche. In Malmedy werden wir fündig und gönnen uns dazu noch das ein und andere Starkbier, ohne Vanille, Brombeer, und sonstige Aromen, für die die belgische Bierbrauerzunft so berühmt ist. Landschaftlich erinnert Luxemburg und die angrenzende Region in Belgien an die Eifel. Die Ardennen sind ja die Fortsetzung dieses Gebirgszuges unter anderem Namen. In Belgien stapfen wir in der Hohen Venn durch ein acht Kilometer langes Moorgebiet auf den klassischen Holzstegen, wie wir sie aus Estland, oder dem „Schwarzen Moor“ in der Rhön bereits kennen. Mit Rastgelegenheiten und Infotafeln am Weg haben sie es in Belgien nicht so, hier wird anscheinend ohne Rast bis zum Ende gelaufen. Auch gut, unsere Schuhe sind danach ziemlich versifft, da wir streckenweise auf durchnässten Moorwegen unterwegs sind. Tröstlicherweise bleiben wir auf unserem Wege nicht allein. Durch den Morast müssen alle zurück und das Ausklopfen und säubern der Schuhe hat so etwas wie eine gemeinschaftsstiftende Funktion.

Kohl war wohl nicht hier…
Unser Übernachtungsplatz in Trier.
In Echternach.
Moorgewächse.
An einer Wetterstation mitten im Moor.
Schlammige Wege…
Miesmuscheln mit Pommes…
… und dazu ein belgisches Bier.
Wo früher Zigarettenschachteln lagen…

Miltenberg, oder der Topos des Südens

Eine Stadt, die uns mitten im August, an den gefühlt wärmsten Tagen des Jahres anspringt wie ein Ort weiter südlich ( ja, anspringt, nicht erscheint, oder vorkommt). Die Lichter der Nacht, die Straßen am Tag. Die Anmutung des Nachtpanoramas samt dazu gehörender Geräuschkulisse des Verkehrs erinnert an Tage am Gardasee. Abends finden an der Flußmauer Partys statt. Ein Ghettoblaster hier, ein Bluetooth-Lautsprecher dort, die ihre Songkonserven aus den 70er, 80er, und 90er Jahren in die Dunkelheit schicken. Selbst tagsüber verschwindet der Eindruck südlichen Flairs nicht. Die Gassen sind belebt. Das „Unkraut“ steht an vielen Plätzen und darf stehen. Es gehört zum Ensemble, macht es vollständig. Schiffe auf dem Wasser. Vom Ausflugsdampfer bis zum Skipper mit seinem Schlauchboot. Alles ist vorhanden (nicht vertreten) und kurvt auf dem Main. An seinem Ufer wird gegrüßt, gebadet und den Ausflüglern des Stroms zugewunken. Dort findet sich ebenfalls die Karikatur eines Deutschen ein, der seinen Enkeln Vorträge über Gott und die Welt hält. Auf allen Gebieten kennt er sich aus, erläutert den Kindern etwa, der Main habe die Form des Buchstabens „W“. Mit beiden Armen in die Hüften gestemmt, doziert er unermüdlich mäandernd wie der Fluß auf dem er fährt. In den Gassen Miltenbergs schwirren Satzfetzen umher: „… denn das sind Spezialisten“. „Die sind vom Fach…“. „Nein, ich möchte nur meine Möglichkeiten abwägen…“. Auf einem Schlag weicht der Ansprung südlicher Lebensart der fränkischen Realität. Die Blase platzt und gibt der Einsicht Raum, daß Gehörschutz manchmal von Vorteil wäre, um die Vorstellung einer idealisierten Umgebung aufrecht zu erhalten.