Miltenberg, oder der Topos des Südens

Eine Stadt, die uns mitten im August, an den gefühlt wärmsten Tagen des Jahres anspringt wie ein Ort weiter südlich ( ja, anspringt, nicht erscheint, oder vorkommt). Die Lichter der Nacht, die Straßen am Tag. Die Anmutung des Nachtpanoramas samt dazu gehörender Geräuschkulisse des Verkehrs erinnert an Tage am Gardasee. Abends finden an der Flußmauer Partys statt. Ein Ghettoblaster hier, ein Bluetooth-Lautsprecher dort, die ihre Songkonserven aus den 70er, 80er, und 90er Jahren in die Dunkelheit schicken. Selbst tagsüber verschwindet der Eindruck südlichen Flairs nicht. Die Gassen sind belebt. Das „Unkraut“ steht an vielen Plätzen und darf stehen. Es gehört zum Ensemble, macht es vollständig. Schiffe auf dem Wasser. Vom Ausflugsdampfer bis zum Skipper mit seinem Schlauchboot. Alles ist vorhanden (nicht vertreten) und kurvt auf dem Main. An seinem Ufer wird gegrüßt, gebadet und den Ausflüglern des Stroms zugewunken. Dort findet sich ebenfalls die Karikatur eines Deutschen ein, der seinen Enkeln Vorträge über Gott und die Welt hält. Auf allen Gebieten kennt er sich aus, erläutert den Kindern etwa, der Main habe die Form des Buchstabens „W“. Mit beiden Armen in die Hüften gestemmt, doziert er unermüdlich mäandernd wie der Fluß auf dem er fährt. In den Gassen Miltenbergs schwirren Satzfetzen umher: „… denn das sind Spezialisten“. „Die sind vom Fach…“. „Nein, ich möchte nur meine Möglichkeiten abwägen…“. Auf einem Schlag weicht der Ansprung südlicher Lebensart der fränkischen Realität. Die Blase platzt und gibt der Einsicht Raum, daß Gehörschutz manchmal von Vorteil wäre, um die Vorstellung einer idealisierten Umgebung aufrecht zu erhalten.

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