Luxemburg, Belgien und die deutschen Saubeutel

Seit Tagen versuche ich mich an einem Text über unseren Ausflug nach Luxemburg bzw. Belgien. Es will mir nicht so recht gelingen. Ich möchte berichten über unsere Rast in Entenpfuhl, einem Ort, der historische und biographische Insidenzen in sich vereint. Im Frühjahr 2020, auf unserem Rücksturz aus Portugal in das gelobte „coronasichere Deutschland“ fuhren wir an der A6 an dem Rastplatz Entenpfuhl vorbei. Im August 2021, auf unserem Weg nach Trier, erreichen wir das Forstamt Soonwald Entenpfuhl. Normalerweise kommt hier niemand vorbei, der nicht unbedingt dort hin muß. Aber wir haben unserem Navigationsgerät die Autobahnen ausgetrieben und so müsen wir uns durch die Pampa schlagen. Nicht die schlechteste Option, in der Regel. In dem Ort befindet sich ein Denkmal für den Jäger aus Kurpfalz. Der Kaiser Wilhelm 2nd, der mit dem Schnauzer und den Kriegsambitionen, war hier höchstselbst, um das Denkmal einzuweihen. Wir finden uns sozusagen auf historischem Boden, obwohl der im Moment ziemlich durchnäßt und unbegehbar wirkt. Das Denkmal und seine Umgebung haben ihre besten Zeiten ebenfalls hinter sich. Das Lied „Der Jäger aus Kurpfalz“, ein Lied mit unbekannter Herkunft, war unserem ehemaligen Kanzler Helmut Kohl ein Herzensanliegen. Bei öffentlichen Auftritten ließ er es als Pfälzer gerne spielen, allerdings ohne die Strophen 3-5. Das wäre dann doch zu viel Saubeutelei gewesen, die ursprünglich sexuelle Konnotation des Liedgutes wurde verschwiegen, uns vorenthalten wie die „blühenden Landschaften“. Weiter nach Luxemburg. In Echternach rattern überdimensionierte Entfeuchtungsgeräte, um die Gebäude trocken zu legen. Die Sauer trat über die Ufer, wie an der Ahr. Nur in Deutschland hörte man nichts davon. Luxemburg ist weit weg. Die national-mediale Steuerung funktioniert prächtig. Die erduldete Wasserhöhe durch das Unwetter ist an vielen Sandsteinhäusern sichtbar. Nasser Sandstein zeigt lange seine unfreiwillige Verbindung mit Wasser. Die Kleine Luxemburgische Schweiz, bzw. das Mullerthal überrascht mit urigen Felsformationen und im Vergleich zur Fränkischen Schweiz, mit naturnaher Bewirtschaftung, die in den Wanderbereichen fast schon an forstwirtschaftliches Nichtstun grenzt. In Belgien müssen wir natürlich Pommes frites probieren. In Verbindung mit Moules wird daraus ein Klassiker der belgischen Küche. In Malmedy werden wir fündig und gönnen uns dazu noch das ein und andere Starkbier, ohne Vanille, Brombeer, und sonstige Aromen, für die die belgische Bierbrauerzunft so berühmt ist. Landschaftlich erinnert Luxemburg und die angrenzende Region in Belgien an die Eifel. Die Ardennen sind ja die Fortsetzung dieses Gebirgszuges unter anderem Namen. In Belgien stapfen wir in der Hohen Venn durch ein acht Kilometer langes Moorgebiet auf den klassischen Holzstegen, wie wir sie aus Estland, oder dem „Schwarzen Moor“ in der Rhön bereits kennen. Mit Rastgelegenheiten und Infotafeln am Weg haben sie es in Belgien nicht so, hier wird anscheinend ohne Rast bis zum Ende gelaufen. Auch gut, unsere Schuhe sind danach ziemlich versifft, da wir streckenweise auf durchnässten Moorwegen unterwegs sind. Tröstlicherweise bleiben wir auf unserem Wege nicht allein. Durch den Morast müssen alle zurück und das Ausklopfen und säubern der Schuhe hat so etwas wie eine gemeinschaftsstiftende Funktion.

Kohl war wohl nicht hier…
Unser Übernachtungsplatz in Trier.
In Echternach.
Moorgewächse.
An einer Wetterstation mitten im Moor.
Schlammige Wege…
Miesmuscheln mit Pommes…
… und dazu ein belgisches Bier.
Wo früher Zigarettenschachteln lagen…

Miltenberg, oder der Topos des Südens

Eine Stadt, die uns mitten im August, an den gefühlt wärmsten Tagen des Jahres anspringt wie ein Ort weiter südlich ( ja, anspringt, nicht erscheint, oder vorkommt). Die Lichter der Nacht, die Straßen am Tag. Die Anmutung des Nachtpanoramas samt dazu gehörender Geräuschkulisse des Verkehrs erinnert an Tage am Gardasee. Abends finden an der Flußmauer Partys statt. Ein Ghettoblaster hier, ein Bluetooth-Lautsprecher dort, die ihre Songkonserven aus den 70er, 80er, und 90er Jahren in die Dunkelheit schicken. Selbst tagsüber verschwindet der Eindruck südlichen Flairs nicht. Die Gassen sind belebt. Das „Unkraut“ steht an vielen Plätzen und darf stehen. Es gehört zum Ensemble, macht es vollständig. Schiffe auf dem Wasser. Vom Ausflugsdampfer bis zum Skipper mit seinem Schlauchboot. Alles ist vorhanden (nicht vertreten) und kurvt auf dem Main. An seinem Ufer wird gegrüßt, gebadet und den Ausflüglern des Stroms zugewunken. Dort findet sich ebenfalls die Karikatur eines Deutschen ein, der seinen Enkeln Vorträge über Gott und die Welt hält. Auf allen Gebieten kennt er sich aus, erläutert den Kindern etwa, der Main habe die Form des Buchstabens „W“. Mit beiden Armen in die Hüften gestemmt, doziert er unermüdlich mäandernd wie der Fluß auf dem er fährt. In den Gassen Miltenbergs schwirren Satzfetzen umher: „… denn das sind Spezialisten“. „Die sind vom Fach…“. „Nein, ich möchte nur meine Möglichkeiten abwägen…“. Auf einem Schlag weicht der Ansprung südlicher Lebensart der fränkischen Realität. Die Blase platzt und gibt der Einsicht Raum, daß Gehörschutz manchmal von Vorteil wäre, um die Vorstellung einer idealisierten Umgebung aufrecht zu erhalten.

Und immer wieder der Osten…

Straße in Perleberg.
Vor dem Postamt in Perleberg.
Marktplatz Perleberg.
Schloß Ludwigslust.
Kaskaden in Ludwigslust.
Schade, sie waren schon in der Autolyse. Diese Schopf-Tintlinge wären eine leckere Pilzmahlzeit gewesen.
Gesehen im Kloster Malchow.
Lecker Fischbrötchen in Ribnitz-Damgarten.
Maske in Prora.
Am Strand von Prora.
In der Nähe des Königsstuhls auf Rügen.
Beim Herthasee.
Der Holzmichl…
Kormorane in Sassnitz.
Kloster Zarrentin.

Rügen, die „alte Bekannte“

Mit alten Bekannten ist das so eine Sache. Sieht man sie nach Jahren wieder, wird die gegenseitige Entfremdung sehr schnell offensichtlich. Erst stellt sich ein schleichendes Unbehagen ein, welches in die Frage mündet, ob man früher in vielerlei Hinsicht noch ähnlicher war, oder einfach nur Scheuklappen getragen hat? Anschließend beginnt man sich darüber zu ärgern, daß man sich überhaupt auf eine erneute Begegnung eingelassen hat. Mit Rügen ist es uns so gegangen. Vor 20 Jahren waren wir schon mal auf Deutschlands größter Insel. Damals besuchten wir die Insel im März, heute sind wir im Oktober hier. Die Witterungsverhältnisse sind vergleichbar. Was uns damals schon aufgefallen war und auch heute noch gilt: Der Verkehr, vor allem im Ostteil der Insel ist extrem. Auf den Straßen reiht sich ein Auto an das andere. Göhren und Sassnitz haben wir wiedererkannt. Dort hat sich auf den ersten Blick in all den Jahren nicht großartig etwas verändert (bei näherer Betrachtung natürlich schon). Enttäuschend für uns ist der Besuch von Prora. Im Umfeld der Anlage entstand einiges an neuer Bausubstanz. Lagerhallen, Einkaufsmärkte, Straßen und Häuserzeilen, die den Archetypus der „Little Boxes“ aus dem Song von Malvina Reynolds erschreckend nahe kommen. Damals fuhren wir auf einer alten Betonstraße direkt an Prora vorbei und parkten vor der Anlage. Heute gibt es dort ein Parkleitsystem mit diversen kostenpflichtigen Parkplätzen. Der Sinn der an den Wegen stehenden Holzschilder mit Phantasienamen aus der Schublade der Alpenromantik erschließt sich uns nicht. Teilabschnitte von Prora sind saniert. Eine große Jugendherberge sticht ins Auge, Cafes, ein Hotel und Appartements für Betreutes Wohnen. Doch viele Lofts stehen leer. Hinter den Fenstern sind die Räume kahl, unmöbliert und unbeleuchtet. Sie warten darauf belebt zu werden. Das geschäftige Treiben und die daraus erwachsenden wirtschaftlichen Vorteile seien den Einheimischen auf alle Fälle gegönnt, allerdings verliert Prora dadurch den Charakter den es vor 20 Jahren hatte: Ein Denkmal des Größenwahns der Nazis zu sein. Der erneute Besuch der Anlage ist für uns deshalb eher enttäuschend ausgefallen. Wir laufen am Ostseestrand an den Gebäuden vorbei, trinken einen Kaffee und verlassen relativ schnell den Ort. Bei einer weiteren Sehenswürdigkeit Rügens ergeht es uns ähnlich. Der Kaiserstuhl, die berühmteste Kreidefelsformation Rügens, kam damals noch ohne Klimbim aus. Heute stehen wir nach einer drei Kilometer langen Wanderung, vor dem Nationalpark-Zentrum. Fast zehn Euro würde uns der Eintritt kosten. Und nur dann haben wir die bekannt-romantische Aussicht auf den Kreidefelsen. Wir sind nicht die einzigen die kehrt machen und von Halsabschneiderei sprechen. Schade, aber wir haben ihn schließlich vor zwei Jahrzehnten gesehen und den Parkplatz und die Entsorgung unseres Womos lassen sie sich hier auch gut bezahlen. Nichts wie weg von hier. Am nächsten Tag verlassen wir die Insel wieder. Drei Tage sind mehr als genug. Auf die Ostsee haben wir blicken können. Fast ein Jahr ist es nun her, daß sie uns in Schweden, Finnland und dem Baltikum täglich begleitet hat. Das Meer zieht uns immer wieder an, doch es hält uns nicht lange in seinem Bann. Der Kommerz und die Menschenmaßen lassen uns immer sehr schnell das Weite im Inland suchen. Dort, mit dem Womo auf Schotterplätzen hinter Dorfkirchen stehend, fühlen wir uns eher zuhause, als auf Dünen, an beliebten Seen oder an irgendeinem Strand.

Ein Jahr, ein Van, zwei Menschen – Ein Fazit?

Wir sind zurück. Wir fahren auf den Parklplatz von dem aus wir letztes Jahr um diese Zeit unsere Reise begonnen haben. Dieser Moment macht uns stumm. Wir sitzen da und sind beide in unseren eigenen Gedanken versunken. Wie schnell ein Jahr vergeht, denken wir sicher beide, während wir uns aus unseren Sitzen schälen. Die Tür zu öffnen fällt schwer. Danach sind wir wieder da. In einer Form von Realität, die für uns ein Jahr lang nichtig war. Wir mussten nichts. Wir hatten keine Verpflichtungen. Wir sind gereist. Ohne Kompaß, ohne Reiseführer, ohne Plan, ohne die Buchung für die Wohnung, den ganzen Kram, den Menschen glauben zu brauchen, um auf Reisen zu gehen. Man braucht all das nicht. Es genügt die ungefähre geografische Richtung und zwei Menschen die sich vertrauen. Gestartet sind wir im letzten Jahr Anfang Juli. Und aus heutiger Sicht müssen wir feststellen, daß das letzte Jahr an uns vorbei gerast ist. Sicher, wir waren in vielen Ländern und hatten einige schöne Begegnungen mit Menschen, die zwischen uns immer noch Gesprächsstoff sind. Aber insgesamt ging das Jahr zu schnell vorüber. Wir fragen uns, wo die Zeit geblieben ist.

Auf unserer Reise im Juni durch Deutschland haben wir uns das erste Mal im Van geduscht. Hätten wir vorher gewußt, wie unkompliziert das vonstatten geht, wären wir auf unserer Reise ohne den Besuch eines Campingplatzes ausgekommen. Auf diesen Plätzen haben wir uns gestellt, um einmal in der Woche unsere Wäsche zu waschen und uns einer umfangreichen Dusche zu unterziehen. In den nördlichen und südlichen Ländern gibt es Waschsaloons an jeder Ecke. Wir Deppen haben sie nur nicht genutzt. Ein kommunaler Stellplatz ist für unsere Bedürfnisse ausreichend. Und wenn wir in Zukunft wieder kürzere Reisen unternehmen, werden wir sicher Campingplätze meiden und nach kommunalen oder „freien“ (im deutschen Sprachgebrauch „wilden“) Stellplätzen Ausschau halten, denn die Campingplatzathmosphäre sagt uns gelinde gesagt weniger zu.

Wenn man ein Fazit wagen möchte, könnte man fragen, was uns das Jahr gebracht hat? In erster Linie eine Auszeit, die für Karin sicher heilsamer war als für mich. Karin hat auf dieser Reise (leider viel zu spät und schmerzlich) erkannt, daß es andere Lebenszusammenhänge und Sinnstiftungen gibt, um es vorsichtig auszudrücken. Und, daß vor allem Menschen da sind, die vernachlässigt wurden, die einen aber so nehmen wie man ist. Das ist schon sehr viel. Meine Frau hat wieder lachende Augen, sie beherrscht mittlerweile die Kunst des „Smalltalks“ besser als ich. Für mich wäre das Fazit genug.

Am Main entlang nach Hause

Von der Schwäbischen Alb nach Hause ist es nicht mehr weit. Wir fahren durch den fränkisch geprägten Teil Baden-Württembergs. Schwäbisch Hall ist für uns eine Entdeckung. Das Treiben dort ist äußerst quirlig und die Altstadt sehenswert. Wir übernachten dort auf einem von Wohnmobilen gut besuchten Parkplatz. Während wir in Künzelsau unser Frühstück an der Kocher zubereiten, stehen wir in Wertheim bereits am Main und diese Tatsache erzeugt bei uns ein Gefühl von Wehmut. Ist unsere Reise nun wirklich bald zu Ende? Über Tauberbischofsheim geht es weiter nach Lohr am Main, wo wir unsere letzte Nacht der einjährigen Reise verbringen. Die Städte liegen alle sehr nahe zu unserem Wohnort, doch besucht haben wir sie vorher noch nie. Schade, denn die Region hat einiges zu bieten. Die Städte sind sehr einladend und für uns eine Entdeckung. In Lohr stellen wir uns nicht auf den offizellen kommunalen Platz, auf dem bereits ca. 20 Wohnmobile stehen, sondern fahren über den Main nach Steinbach und stehen auf einem kleinen Parkplatz direkt am Main. Menschen picknicken an den Mainauen und Gassigeher ziehen vorüber. Ein schöner Platz, um ungestört unsere Reise ausklingen zu lassen. Neben uns stehen noch zwei Kastenwagenwomos, denn nur die passen in die Parkbuchsen. Wahrscheinlich wird spätestens in zwei Jahren ein „Camping Verboten“ Schild hier stehen. Traurig für Leute wie uns , aber nachvollziehbar. Wir haben den Platz wieder einmal über die App „Park4night“ gefunden. Eine wirklich gute App, die uns ein Jahr lang begleitet hat und uns in der Regel hervorragende kostenlose Übernachtungsplätze angezeigt hat. Natürlich liegt in so einer Applikation auch Fluch und Segen. Oftmals waren wir an diesen Plätzen nicht alleine. Andere haben natürlich die App ebenfalls. Und wenn das Aufkommen an Wohnmobilen an den genannten Orten überhand nimmt, manche ihren Müll dort entsorgen, wenn nicht gar ihre Toilette in die Büsche leeren, kann man die lokalen Behörden sogar verstehen, wenn sie Verbotsschilder aufstellen.

Frühstück in Künzelsau, mit Blick auf die Kocher.
In Wertheim. Im Hintergrund der Spitze Turm.
Die Altstadt von Wertheim.
Blick auf die Burg.
Im Supermarkt gefunden. Genau das Richtige zum Frühstück.
Kimchi ist lecker (Rezept).
Rathaus von Tauberbischofsheim. Im neugotischen Stil gebaut.
Tympanon an der Sebastianuskapelle in Tauberbischofsheim.
Die Cobra.
Der Main in Lohr am Main.
Deutschland hat ein Müllentsorgungsproblem.

Von Passau zur Schwäbischen Alb

Passau gefällt uns sehr gut. Die Stadt ist unaufgeregt, zumindest unter der Woche als wir sie besuchen. Seltsam sind allerdings die zahlreichen Souvenirläden in der Altstadt mit dem üblichen Kitsch. Dort findet man unter anderem Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald, die dort wie sauer Brot feilgeboten werden. Was diese Dinger in einem niederbayerischen Touristenladen zu suchen haben verstehen wir nicht so ganz. Vielleicht sind die für die Touristen aus Übersee gedacht, die im Moment die Stadt nicht besuchen. Überhaupt geht es hier im Moment ziemlich ruhig zu. Selbst die Restaurants und Cafes sind nur spärlich besucht. Die niederbayerische Landschaft gefällt uns sehr gut. Die Berge sind nicht Seele und Blick erdrückend wie in Oberbayern oder Österreich. Die Landschaft ist eher gekennzeichnet durch weite Täler in die der Blick schweifen kann, bis er mit dem Horizont verschwimmt. Seit Thüringen haben die Blühstreifen an den Äckern abgenommen. In Bayern sind sie ganz verschwunden. Selbst wenn, der niedersächsische und sachsen-anhaltinische Bauer Geld für seine Blühstreifen um die Äcker bekommt, warum interessiert das weiter südlich keinen Bauern? Als wir letztes Jahr aus Skandinavien kamen und über Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen nach Bayern fuhren, war für uns auffällig, daß Alleen nach der Überquerung der bayerischen Grenzen nicht mehr vorhanden waren. Diesmal haben wir den gleichen Eindruck, nur das die Blühstreifen ebenfalls in Bayern fehlen. Und noch etwas fällt uns auf. Wir bezeichnen es als den „misstrauischen Blick“. Bei der Durchfahrt von Dörfern, bei der Rast in den Städten werden die Hälse gereckt. Die Einheimischen schielen auf das Nummernschild, blicken uns nach. Gegrüßt wird vor allem im städtischen Raum im Vergleich zu Norddeutschland seltener, bis gar nicht. Die Grenze liegt für uns irgendwo im südlichen Sachsen-Anhalt. Schade, uns als geborene Franken hat diese Art der täglichen Begegnung sehr gut gefallen. Auffällig ist ebenfalls, daß der Fahrstil im Süden unseres Landes und vor allem in Bayern auf uns aggressiver wirkt. Dicht auffahrende Autos, die Sperrstreifen und Abzweigmarkierungen überfahren erleben wir hier häufiger, was mit den spärlich vorhanden Blitzanlagen zusammenhängen mag. Seit Norwegen finden wir eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h auf Land- und Bundesstraßen für angemessen und angenehm. Andere Länder machen es ja vor. In Belgien gilt in der Region Flandern mittlerweile 70km/h auf Landstraßen, in Frankreich ist eine Höchstgeschwindigkeit von 80km/h vorgeschrieben. Am Steuer lassen wir uns weder von einem bayerischen Wurzelsepp, noch von einem fränkischen Maulaff dazu drängen, schneller als 90 km/h zu fahren. Punkt. Werdet endlich zivilisiert ihr pupertär-egoistischen Kloßfresser.

Am Zusammenfluß der Flüsse Inn und Donau.
Donau mit Veste Oberhaus im Hintergrund.
Die Altstadt von Passau.
Altstadt mit Donau im Vordergrund und Inn im Hintergrund.
Legendäres Haus.
Fast oben auf der Veste.
Stillgelegte Boote in Zeiten von Covid-19.
Unser Stellplatz in Aidenbach.
In Neuburg an der Donau in einem „guten Lokal“.
Unser erstes Wirtshausessen seit einem Jahr. In Oberbayern gibt es natürlich Haxn.
Donauenten.

Die Schwäbische Alb halten wir für eine der am meisten unterschätzten Regionen in Deutschland.

Moselwein, Spaghetti alio e olio und reichlich Sonne im Lautertal auf der Schwäbischen Alb.
Kostenlosen Strom für die Karre, Grillplätze und Natur pur. Hier gefällt es uns.
Eine kostenlose Ver- und Entsorgung. Wir lieben es….
Wasi, Wusi, Wosi, oder so ähnlich…
Burgruine Reußenstein.

Durch Oberfranken und die Oberpfalz in den Bayerischen Wald

Mödlareuth

Auf der A9 Richtung Berlin sind wir schon des öfteren an Mödlareuth vorbeigefahren. Das kleine Dorf in der Nähe von Hof erlangte Bekanntheit, da die Mauer bzw. der „antifaschistische Schutzwall“ 🙂 das kleine Dorf in zwei Hälften teilte. Nach dem Fall der Mauer betreiben die Mödlareuther nicht nur Landwirtschaft wie eh und je, sondern haben ihr verschlafenes Nest in eine Art Museumsdorf verwandelt. Teile der Zaunanlagen, Wachtürme und diverse Warnschilder aus DDR-Zeiten sind vorhanden und können besichtigt werden. Einen alten russischen Panzer haben sie auch noch aufgetrieben und ihn an den Rand des Schotterparkplatzes gestellt, wo er als Fotokulisse für so manchen harten Kerl dient der von seiner Barraszeit schwärmt, oder technikbegeisterte Männer ins Schwärmen bringt über die Motorleistung (12 Zylinder) und Geschwindigkeit (50km/h) dieses Stahlmonsters, während die dazugehörigen Frauen ihre gelangweilten Blicke in die Ferne schweifen lassen.

Der ehemalige Grenzübergang.
Ordnung muß sein.

Steinwald

Der Steinwald ist ein bis zu 946 m  hohes Mittelgebirge im Regierungsbezirk Oberpfalz. Naturräumlich gehört er zur Haupteinheit Hohes Fichtelgebirge. Im Jahr 1970 wurde der heute 246 km² große Naturpark Steinwald gegründet. Der Name Steinwald kommt nicht, wie oftmals fälschlich angenommen wird, von der großen Zahl an Felsen und Steinen im Wald. Namensgebend war die Burg Weißenstein. Der Steinwald müsste korrekterweise der „Weißensteinwald“ heißen.

Kitschikunst gibt es überall, selbst an einer Burgruine im Wald 🙂

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg liegt heute direkt im Dorf. Damals lag sie wohl am Rande, doch der Spruch „Wir haben nichts gewußt“ (gemeint ist das Wissen über KZs im Dritten Reich) wird hier ad absurdum geführt. Spätestens, wenn man sich im Museum die Karte mit der Gesamtzahl der KZs und deren Außenlagern ansieht. Wie können, wie hier in Flossenbürg, diese mörderischen Einrichtungen vor den Einwohnern verborgen geblieben sein? Die Äcker der Bauern grenzten an das Lager. Bei einer durchschnittlichen Belegung von 2500 Gefangenen müssen nur Taube und Blinde dort gewohnt haben. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges waren hier an die 10000 Menschen zusammengepfercht. Und niemand hat irgendwas gesehen? Im Museum liegen Dokumente über Anfragen von Bauern und Handwerksbetrieben aus, die um billige Arbeitskräfte aus dem Lager bei der SS-Kommandatur ersuchen. Und heute? Bestimmte Teile der Einwohnerschaft hätten die Gedenkstätte am liebsten verhindert und auch heute sind manche nicht glücklich mit der Anlage. Das moderne Siedlungsgebiet liegt direkt daneben an einem Hang. Sitzen die Bewohner auf ihren Balkonen, oder im Garten, haben sie permanent die Gedenkstätte und ihre Besucher vor Augen. Ist es denn wirklich so schwer zu ertragen, täglich mit der eigenen nationalen Geschichte konfrontiert zu werden? Würden diese „leidgeprüften“ Siedlungsbürger ihr Häuschen mit einer 3-Zimmerwohnung in einem grauen Wohnblock in Hof tauschen? Wir glauben, nein.

Wachtürme und rechts die Kapelle, die auf Betreiben polnischer Überlebender gebaut wurde.
Links unten das Krematorium.
Im „Tal des Todes“ wurden täglich Exekutionen durchgeführt.
Der wohl bekannteste Häftling.

Im Bayerischen Wald

Bei Bayerisch Eisenstein stehen wir an der tschechischen Grenze, die wir bei einem kurzen Spaziergang überschreiten. Der Nationalpark liegt zur Hälfte auch auf tschechischer Seite. Wanderwege und Attraktionen gibt es hier zuhauf. Nur stellen wir uns die Frage, ob Wildgehege mit Luchsen und Wölfen sein müssen, um die Massen an Sonntagsausflüglern herumlärmen. Wieso läßt man die Tiere nicht in freier Wildbahn wo sie hin gehören? Die sichtbaren Pfade entlang des Zaunes zeigen sehr deutlich, daß jedes Gehege, wie groß auch immer, nur ein Gefängnis ist.

Wolf und Luchs müssen drinnen bleiben.
Heckrinder, die dem ausgerotteten Auerochsen zumindest phänotypisch nahe kommen.
Grenzbahnhof in Bayerisch Eisenstein.

Vom Harz in Richtung Süden

Der Wald im Harz sieht nicht gesund aus. Um ehrlich zu sein ist es um seinen Fichtenbestand ziemlich schlecht bestellt. Die Hitzeperioden der letzten Jahre haben die Fichten anfällig für den Borkenkäfer werden lassen. Kilometerlang stehen abgestorbene Bäume wie gebleichte überlange Streichhölzer in der Waldlandschaft. Durch Stürme gefallene Bäume liegen kreuz und quer herum und vermodern langsam. Abgesägte Stümpfe am Wegrand bieten sich uns als Sitzgelegenheiten zum Rasten an. Zersägte Stämme liegen wie wild in den Wald geworfen da. Ein Trauerspiel, ist unser erster Gedanke. Doch hinter diesem Chaos steckt ein Plan. Hier soll in einigen Generationen ein robuster Mischwald entstehen. Totholz ist für die Artenvielfalt von darauf spezialisierten Insekten ebenfalls wichtig. Viele dieser Insektenarten stehen mittlerweile auf der „Roten Liste“. Im Harz machen sie es richtig. Die Steigerwaldbewohner würden bei so einer „Unordnung“ wahrscheinlich durchdrehen und es nicht nur beim Schilder aufstellen gegen einen „Urwald Steigerwald“ belassen.

Frau Holle 🙂
Auf dem Weg zur Rosstrappe.
Der Liebesbankweg bei Hahnenklee.
Die Stabkirche von Hahnenklee wurde nach norwegischem Vorbild gebaut.
In der Nähe unseres Stellplatzes in Thale.
„Fläschküchli“, Kartoffel- Bohnen-, und Karautsalat. Ein üppiges Abendessen.
Entweder den pseudolegeren Colgatefuzzi mit den gesunden Zähnen…,
…oder den Mann, der aussieht als wäre er Generalmajor der Bundeswehr. Zum Glück müssen wir beide nicht wählen 🙂
Stadtmauer von Laucha.
Waschtag in einem Waschsaloon in Jena.

Gedenkstätte Bergen-Belsen

Das Areal ist sehr weitläufig. Durch die zahlreichen Massengräber mit der Aufschrift der Gesamtzahl an Toten wirkt die Gedenkstätte noch bedrückender auf uns als Buchenwald. Das Dokumentationszentrum ist außen und innen modern gestaltet und die Infotafeln und filmischen Einblendungen sind sehr gut aufbereitet. Wir verbringen einige Stunden auf dem Gelände. Der Weg zum Kriegsgefangenenfriedhof führt durch einen Wald, den die Häftlinge damals schon gehen mussten. Er führt uns mitten durch ein militärisches Sperrgebiet. Am Waldrand und an den Wegen befinden sich überall Schilder, auf denen zu lesen ist, daß man den Weg nicht verlassen dürfe. In der Entfernung sind leise, dann immer lauter, Maschinengewehrsalven im Dauerfeuer zu hören. Dazwischen undefinierbares Artilleriefeuer. Auf dem ehemaligen Lagergelände begegnen uns niederländische und deutsche Soldaten in Uniform. Auf uns wirkt das ziemlich befremdlich. Eine große Kaserne und ein riesiger Truppenübungsplatz, der bereits im Nationalsozialismus genutzt wurde befinden sich in unmittelbarer Nähe. Wir besuchen das ehemalige KZ an einem sonnigen Tag. Im Wald singen die Vögel das gleiche Lied wie vor fast 80 Jahren. Ein leicht modriger Nadelduft steigt uns in die Nase und auch er liegt bei dieser Witterung seit Ewigkeiten in der Luft hier. Die Bilder auf den Dokumentationsstelen- und Tafeln sind in Schwarz-Weiss, doch die Menschen haben damals an einem Frühlingstag Anfang Juni ihre Umgebung so farbig wahrgenommen wie wir im Jahr 2020. Das Grauen wird uns in Bildern monochrom präsentiert, gemordet wurde jedoch in Farbe, an der zu dieser Jahreszeit blühenden Wiese, die durch den Tanz der Bienen auf den Blumen lebendig wirkt.