Taunus, Mosel, Eifel und was noch?

Wir reisen wieder. Warum auch nicht. Unser Reiseverhalten ist nicht gerade repräsentativ. Wir peilen keine Orte an, die wir unbedingt sehen müssen, somit reduziert sich für uns die Gefahr, an irgendeinen touristischen Hotspot zu landen. Wir lassen uns treiben. So war bisher unser Reisemodus und er wird beibehalten. Unserem Navigationsgerät haben wir die Autobahnen ausgetrieben, für uns gibt es nur den Weg durch die Pampa. Dabei entdecken wir Ortschaften mit lustigen Namen, wie Linsengericht, oder Katzenelbogen. Interessanterweise bemerken wir die Überfahrt in ein anders Bundesland am Straßenzustand. Kurz vor, oder nach den Grenzen sind die Straßen in der Regel in einem schlechteren Zustand als im Inland. Wir wandern viel und meiden Ansammlungen von Menschen. Da wir weder in den bayerischen Bergen, noch an den norddeutschen Küsten unterwegs sind, ist der touristische Reiseverkehr überschaubar. Außer an Pfingsten. Da ist selbst die Innenstadt von Königswinter brechend voll. Nichts wie weiter. In den Städten die wir durchfahren sieht es aus, als gelte das Motto „Kaufen, Fressen Saufen„. Und irgendwie passt das ja zu den politischen Freigaben. Belgien darf man zwar im Moment nicht aus touristischen Gründen bereisen, aber zum Einkaufen dürfen wir jetzt wieder da rüber. In was für einer kranken Welt wir leben wird durch die Krise erst so richtig offensichtlich. Die Grünen wollen das (laute) Motorradfahren verbieten. Gibt es nicht dringlichere Probleme in diesen Zeiten? Was ist aus dem Wasserstoffauto geworden, von dem Politiker wie der Bayerische Sonnenkönig Markus, der I. von Bayern zu Beginn der Coronakrise als ökologische Chance geschwärmt haben? Nichts. Es geht weiter wie bisher. Die Menschen in NRW sitzen in den Biergärten und Cafes aneinandergepresst wie die Sardinen in der Dose. Die Porsches, und Cabriolets werden schön geputzt ausgefahren. Zeigen was man hat und konsumieren was das Zeug hält. Soll das die Erfüllung sein? Ich wähs jo ned.

Die Reise ins Innere

In den vergangenen Monaten haben wir Länder bereist. Dieser Weg ist uns nun verwehrt. Die kommende Reise wird in eine andere Region sein. Statt der geographischen Ferne werden wir durch die Coronakrise gezwungen, uns auf den Weg in die Ferne unseres Inneren zu machen. Das öffentliche Leben verlangsamt sich, wir werden zunehmend auf uns selbst zurückgeworfen. Daheim in den vier Wänden sitzen bedeutet reduzierte Zeiten für den Ausbruch in den öffentlichen Raum. Wir werden mental und körperlich zu Gefangenen. Geographisch gebunden bleibt der geistige Weg offen, verlangt geradezu danach beschritten zu werden. Wer das nicht kann und möchte hat ein Problem. Er wird an der momentanen Situation auch im vermeintlichen gesunden Zustand leiden.

Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Blaise Pascal.

Falls das Zitat von Pascal stimmt, ist die momentane Situation auch eine Chance dem Glück auf neuen Wegen entgegenzugehen. Keine einfache Reise, wenn man bedenkt, daß sich die tibetanischen Gebetswimpel plötzlich als Symbol der Pseudoinnerlichkeit entpuppen könnten, der liebgewonnene, geldvergütete temporäre Exkurs zum „Hier und Jetzt“ an den Instituten plötzlich wegbricht und man feststellt, daß der Weg zum eigenen Ich einige Gefahren birgt, die man vorher an andere delegiert hatte. Die Sinne stellen sich um. Ihr Fokus verändert sich vom Blick in die Ferne zur Betrachtung des Naheliegenden. Der winzig kleine Virus zwingt uns dazu die mikroskopische Dimension in den Mittelpunkt zu rücken. Die Karten sind gleich verteilt, keiner kann sich den Spielregeln entziehen. Ein demokratisches Moment in Zeiten von Ausgangssperre und Reduzierung von Bürgerrechten. Das große Ganze schrumpft zusammen auf ein Geflecht aus regionalen Stimuli. Der Weg vor die Haustür wird zur weiten Welt. Der Spaziergang um den Block zur existentiellen Erfahrung. Der Holunder treibt sein Grün, der Wind singt jeden Tag ein anderes Lied. Schlüsselblumen verkünden den Frühling, sind Anzeiger saisonaler Veränderung. Während der Virus uns ruhig stellt, läuft in der Natur ein Programm ab, das resitenter auf feindliche Attacken reagiert als wir. Es macht deutlich: Wir sind nicht der Nabel der Welt. Und falls wir es denn sein möchten, dann sind die Parameter unseres Lebens offenbar falsch gesetzt. Während vor einigen Wochen noch Außenstellen auf dem Mars als Zukunfszenario die Medien beherrschte, sind wir mittlerweile soweit davon entfernt wie der Steinzeitmensch von einem Atomkraftwerk. Die geografischen Prioritäten verschieben sich, die Zukunft wird in andere Regionen imaginiert. Substantielle Dinge gewinnen an Bedeutung. Es geht ums Leben und Überleben. Die Hamsterkäufe in den Supermärkten machen es deutlich. Klopapier, Nudeln, Hefewürfel. Es wird gehortet, als wäre der Schnitter schon wieder unterwegs. Große Reisen schrumpfen zusammen von einigen hundert auf eine überschaubare Zahl von wenigen Kilometern. Die Weite wird zum Korridor. Die als tägliche Nichtigkeiten wahrgenommenen Ereignisse werden zentral für unseren Blick. Entschleunigung, ein bisher esoterisch bescheuerter Begriff erhält jetzt eine andere Dimension mit konkreter Einfärbung. Der Weg zum Supermarkt ein Abenteuer, nicht nur virologischer Art, sondern auch im zwischenmenschlichem Sinn. Bekannte über Distanzen zu begrüßen ist eine neue Form der sozialen Kommunikation. Die Finnen und sonstige Nordmänner dürften damit weniger Schwierigkeiten haben als z.B. die Italiener. Die individuellen Abstände zwischen Personen sind zwischen den einzelnen Nationen unterschiedlich. Für uns war der Weg zum Supermarkt bisher eine Reise ins Ungewisse. Keine Desinfetionsmittel an der Kasse, das Kartenlesegerät wurde nicht desinfiziert und Sicherheitsabstände gibt es bisher nicht, oder sie werden nicht eingehalten. Deutschland steuert auf eine Katastrophe zu. Italienische Verhältnisse halten wir bei diesem Befund für wahrscheinlich, leider. Was bleibt ist der Rückzug in die Isolation. Und von dort werden wir dann unsere Reise in das Krisengebiet antreten. Eine Reise, die nur aus einigen Kilometern besteht. Sie wir spannend sein. Ungewiss wie eine Fahrt durch unbekanntes Gebiet. Unser Motto „panta rhei“ ist für uns immer noch von zentraler Bedeutung und es hat den Anschein, als wäre die Quintessenz nicht obsolet. Der Weg von Eschenau nach Knetzgau wird für uns zur Weltbühne. Wer hätte gedacht, daß es einmal soweit kommt. Im Vorüberfahren die einzelnen Häuser mit ihren Bewohnern in Gedanken abklappern zeugt von regionaler Verbundenheit und rudimantäres Wissen über die Menschen in der eigenen Umgebung. Ein Aspekt, der auf weiten Reisen vernachlässigt wird. Wir sind zurück und was nun wichtig wird, sind die Menschen in unmittelbarer Nähe und Freunde, die sich in Krisensituationen als solche erweisen.

Zurück und jetzt? – Ein Zwischenfazit

Wenn wir uns recht entsinnen, war es Walters elektronische Nachricht, daß wir uns doch am Besten schleunigst auf den Weg nach Hause machen sollten. Ein Hinweis von Walter, von dem ich nicht einmal weiß, ob er sich mit „t“ oder „th“ schreibt. Wenn Walt(h)er so viel Wert darauf legt wie ich, dann ist es für ihn bedeutsam, ob sein Name richtig oder falsch geschrieben wird. Allerdings müsste Walter dann schon ziemlich alt sein, den die Schreibweise des Vornamens mit „th“ ist wahrscheinlich bereits im Mittelalter aus der Mode geraten. Stefan mit „ph“ ist zwar nicht so häufig, doch gilt mein Name als Beweis, daß er auch bei jüngeren Semestern vorkommen kann. Doch ich schweife ab, wir waren schon beim „wir“ und uns stellt sich die Frage, warum wir solange mit der Rückreise gezögert haben und uns den Plan zurecht gelegt haben, die Coronawelle in der portugiesischen Natur aussitzen zu wollen. Anhand unseres eigenen Blocks ist die Zuspitzung der Lage ablesbar. Lange ist Corona kein Thema, und damit meinen wir auch kein Thema im medialen Sinn. Wir verfolgen auf Reisen die deutschen Nachrichten täglich. An unserer Uninformiertheit kann es also nicht liegen. Die Situation im Iran ist bei uns eher präsent, als die Berichte aus Italien. Die staatlichen Stellen beschwichtigen zu Beginn der Coronawelle. In den Veröffentlichungen der Medien hampelt ein Gesundheitsminister durchs Bild, der sich in Verharmlosungsgesten übt, die chinesische Entwicklung ist Hauptaugenmerk der Berichterstattung. Die politische Lage spitzt sich in der Form zu, in der sich der Virus verbreitet, nämlich exponential. Walters Ratschlag und Udos Appell sind die wichtigsten Impulse für ein Umdenken. Wir sind beide Risikopatienten. Falls wir uns was einfangen, wird es schwierig, wenn man weder Portugiesisch, Spanisch, noch Französisch beherrscht. Wir fahren zurück. Und angekommen im eigenen Land sehen wir uns umzingelt von Ignoranten, die keine Sicherheitsabstände kennen, das Ganze bagatellisieren, mitunter „Corona-Parties“ feiern. Doch wir sind im Moment gesund und haben uns in Quarantäne begeben. Ein Zustand, der Anfang nächster Woche den Bürgern sowieso auferlegt wird. Die Ausgangssperre ist nur eine Frage der Zeit und sie muß kommen. Bei der Unvernunft der Bevölkerung bleibt der Politik keine andere Wahl. Wer hätte gedacht, daß wir diese Beschneidung der Menschenrechte einmal herbeisehnen werden? Für uns ist klar, Verschwörungstheorien sind hier fehl am Platz. Wenn alle Staaten in den Krisenmodus verfallen, dann gibt es keine Weltverschwörung einer Gruppe, die durch diese Krise ihren Vorteil zu finden hofft. Irgendeiner würde sich quer stellen, die Briten lassen wir hier mal außer acht. Die Welt wird nach Covid-19 eine andere sein, da sind wir uns sicher. In Zeiten von Pestepidemien verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage, doch brach sich oft eine überbordene Lebensfreude Bahn und ein anderes Weltbild schimmerte auf am Horizont. Wirtschaftshilfen in Milliardenhöhe und Gesangskonzerte von Balkonen sind nur das Vorspiel zu einem Totentanz, der seiner Ästhetik beraubt ganz real daherkommt, wie der sprichwörtliche Schnitter aus dem „Ackermann“ des Johannes von Tepl. Doch Corona ist nicht alles. Unsere Reise wirkt nach und ein vorläufiges Fazit ist in der momentanen Situation sicher angebracht. Unsere Reise hat uns zuallererst gelehrt, daß die anderen Länder nicht auf der „Brennsuppe“ dahergeschwommen sind. Jedes einzelne Land hat seine „Pros“ und „Cons“, wie es heute auf Denglisch heißt. Norwegen unterscheidet sich geographisch und kulturell von Portugal. Die Finnen begegnen sich im sozialen Raum anders als Spanier. Die estnischen Frauen sind hübscher als anderswo. Der Italiener schmiert dir ganz spontan mit Vaseline die automatische Treppe des Wohnmobils und entläßt dich ohne einen Cent bezahlen zu müssen aus der Fachwerkstatt. Die Erfahrungen mit den Menschen bleiben haften. Das verbindende der einzelnen Länder ist die (oftmals blutige) Geschichte und der relativ neue europäische Gedanke, vor allem das in den letzten Jahrzehnten aufgebaute Gefühl der kulturell-geographischen Gemeinsamkeit. All das wird von der jüngeren politischen Entwicklung bedroht. Die Krise kann also eine Chance sein. Entweder das, oder ein Rückfall in Zeiten, die man als barbarisch klassifizieren kann. Wir werden sehen. Unsere Reise ist wahrscheinlich auf unabsehbare Zeit erst einmal zu Ende. Schade. Wir sind vom Norden nach Süden gereist. Zuletzt hatten wir unsere Reisesehnsucht im westlichsten Land des europäischen Kontinentes befriedigt. Der Besuch des Ostens Europas fällt leider aus. Rumänien hätten wir gerne gesehen, Albanien vielleicht. Länder die in Bewegung sind, wie wir mit unserem Reiseverhalten. Man könnte meinen, zwei Personen die auf hochgerechneten 4 qm durch die Weltgeschichte reisen haben so manchen Kampf auszufechten. Nichts dergleichen. Man wird zum Team und lernt sich gegenseitig respektieren, macht Witze über die Schwächen des Anderen und lacht lauthals mit wenn die eigenen auf das Tableau kommen. Zusammen reisen kann im günstigsten Fall zusammenwachsen bedeuten. Unter anderem diese Erfahrung ist es Wert eine Reise zu wagen.

Wir sind zurück und entsetzt!

Wir sind zurück in Deutschland und sind gelinde gesagt entsetzt. Nicht etwa über den Dreck an den Straßen und auf den Plätzen, den wir so weder in Portugal, noch Spanien und Frankreich gesehen haben, noch über das aggressive Fahrverhalten unserer Landsleute auf den Straßen. Nein, nicht deswegen, das kennen wir ja bereits. Aber, nach unserer über drei Tage dauernden Rückfahrt können wir das Verhalten der Menschen in den einzelnen Ländern vergleichen. In Portugal wird schon seit Tagen mit Handschuhen an Supermarktkassen und an anderen Orten gearbeitet. Über die Situation in Spanien haben wir an anderer Stelle bereits geschrieben. In Frankreich haben wir den Eindruck, die Straßen sind voll mit Rückreisenden, die durch ihr Gepäck bis über die Hutablage sehr gut zu erkennen sind. Die LKWs haben fast durchgängig Kennzeichen aus Osteuropa, französische LKWs sind kaum unterwegs. Daß die unterbezahlten osteuropäischen Fahrer für unsere Hamsterkäufe durch die Gegend kutschieren müssen ist ein anderes Kapitel. Nein, deswegen sind wir nicht entsetzt, sondern über die Sorglosigkeit und Dummheit in unserem Land. Kaum haben wir die Grenze bei Saarbrücken passiert, spüren wir nichts von „Herunterfahren des öffentlichen Lebens“. Die A6 ist brechend voll, wie an einem ganz normalen Tag in Deutschland. Da wir tanken müssen, steuern wir in St. Ingbert eine Tankstelle an. Einmalhandschuhe für den Kunden – Fehlanzeige. Am Drogeriemarkt gegenüber ist der Parkplatz gerammelt voll. Die Menschen treten sich in dem Laden auf die Füße. Seltsam denken wir, sind wir mittlerweile paranoid geworden und alles ist gar nicht so schlimm? In einem kleineren Nest machen wir Besorgungen. Wir suchen einen Laden an dem nicht so viele Autos parken. Ein Kotzbrocken an der Fleischtheke macht die Verkäuferin dumm an, weil er sein bestimmtes Stück Fleisch nicht bekommt. Die Theke liegt allerdings gerammelt voll mit Teilen von toten Tieren. Die Auswahl ist groß genug. Ein Wichtigtuer denken wir. An der Kasse steht dieser Vollpfosten vor uns, donnert den leeren Einkaufskorb auf den Boden, macht die Kassiererin an, daß kein Klopapier mehr erhältlich sei und rückt an uns heran, als würde nicht schon seit Tagen die Litanei vom Sicherheitsabstand gebetsmühlenartig von der Politik gepredigt werden. Im Gang stehen zwei Frauen, die die Situation herunter spielen, den Italienern gar eine Schuld an der Misere zuschieben. Die Kassiererin trägt keine Handschuhe. Auf Karins Nachfrage, ob sie denn noch keine zur Verfügung gestellt bekommen habe, antwortet sie, daß es sowieso keinen Sinn mache. Was will man da noch sagen. Egoisten wo man hinblickt. Zum Teufel, es geht ja nicht nur um ihren Schutz, sondern auch um den Schutz von anderen. In Portugal dürfen sich z.B. nicht mehr als zehn Leute gleichzeitig in einem Supermarkt aufhalten. Auf dem Weg zu unserem Stellplatz im Odenwald fahren wir an Bäckereien vorbei. Draußen auf den Stühlen sitzen die Menschen in Gruppen und halten ganz gepflegt ein Schwätzchen. Kinder fahren mit Tretrollern durch die Straßen. Junge Typen stehen an ihren Autos und fachsimpeln über das neueste Tuningteil. Auf uns wirkt Deutschland so, als wäre Corona weit weg und noch nicht hier angekommen. Wir fragen uns mittlerweile wo wir gestrandet sind. Im Land der Blödmänner und Primitivlinge? Morgen geht es nach Hause in die Isolation auf den Berg. Wenn die Regierung nicht rigorosere Maßnahmen anordnet sehen wir für ein dicht besiedeltes Land wie Deutschland katastrophale Zustände voraus.

Hier die aktuellen Fallzahlen der John Hopkins Universität.

Zugriff am 17.3.2020, um 22:20.

Go West…

Wir fahren nach Breisach und übernachten direkt am Rhein. Auf der anderen Seite liegt Frankreich, die französische Schrift des Bootsanlegers ist deutlich zu sehen. In der Nacht fällt die Temperatur im Van auf 3° Celsius. Am Morgen lassen wir für eine halbe Stunde die Gasheizung laufen. Kuschelige Temperaturen sehen irgendwie anders aus. Über Mulhouse und Belfort fahren wir nach Bourg-en-Bresse und verbringen dort unsere zweite Nacht auf einem kostenlosen kommunalen Stellplatz. Die Temperaturen sind ein wenig erträglicher geworden. Und das Angebot an französischen Leckereien ist nicht zu verachten. Das Baguette ist wie immer lecker und günstig. Und die Franzosen sind einfach Genießer. Hase und Huhn werden mit Kopf und Innereien verkauft, denn sie werden auch verzehrt. Die Grenze der Schweinelendchenkultur haben wir glücklicherweise überschritten. Es überwiegen schmackhafte Käsesorten, Rillettes und Pasteten, die mit einer Fettschicht überzogen sind. Und an der Autobahnraststätte findet man Poularden im Kühlregal. Wir stellen fest, daß wir ganz vergessen haben, wie schön Frankreich ist. Auf unseren früheren Reisen durch das Land hatten wir immer diesen Eindruck, er hat sich wieder bestätigt. Die Menschen sind nett, die Gespräche sind gedämpft. Bei den Bewohnern handelt es sich in der Regel um „Leisetreter“ und die Landschaft bezaubert durch ihre Vielfältigkeit. Die Maut ist hier zwar sündhaft teuer (ein Lob auf die Schweizer, die noch am billigsten sind), aber nicht nur die Autobahnen sind dafür in einem besseren Zustand, als die Straßen in Deutschland. Je länger wir reisen, desto fester manifestiert sich bei uns die Überzeugung, daß Deutschland in vielen Dingen mittlerweile abgehängt wurde. Telekommunikation, Straßenverhältnisse, aber auch der Servicegedanke an der Straße und im Land stehen in Deutschland nicht an erster Stelle. Das Land verabschiedet sich so langsam in die zweite Liga. Die Stellplätze für Wohnmobile sind in Frankreich meistens kostenlos und gut ausgestattet. Einen Ablaß für das Brauchwasser findet man ebenso, wie eine Möglichkeit seine Chemietoilette zu entleeren, oder Frischwasser zu tanken. Die Rastplätze sind stilvoll mit Bänken, Tischen und viel Grün angelegt, am Straßenrand geht es hier jedenfalls nicht finnisch zu. Nach einem kurzen Abstecher nach Pierrelatte, der französischen Partnerstadt von Haßfurt,

Jetzt sind wir schon zum dritten Mal hier….

fahren wir nach Chusclan, einem kleinen Ort in unmittelbarer Nähe von Orange und verbringen unsere zweite Nacht in Frankreich.

Chusclan wirkt auf uns ziemlich verschlafen.

Am nächsten Tag kaufen wir noch ein paar Flaschen Rosewein in der örtlichen Kelterei und machen uns auf den Weg nach Espéraza, wo wir unsere dritte Nacht in Frankreich verbringen. Am nächsten Tag geht es über die Pyrenäen nach Spanien.

Auf 1700 Metern Höhe in den Pyrenäen.
So schnell wollten wir eigentlich nicht über die Grenze, doch plötzlich lag sie vor uns.

Von Annaberg-Buchholz nach Morgenröthe-Rautenkranz bis zur Deutschen Eiche.

Durch Brandenburg in den Spreewald, weiter in die Lausitz und das Erzgebirge, dann in das Vogtland und in das Fichtelgebirge und schließlich vor die eigene Haustür zu fahren, hat schon seinen Reiz. Nach all den Wochen wird einem auch klar, daß Geschichte auch anders laufen kann. Während in Norwegen das Königshaus importiert wurde und ohne angehängten Adel regiert, begegnen einem bei uns die Geschichten um Schlachten der Adelgeschlechter (vielmehr der tributpflichtigen Bauern) an allen Orten. In Norwegen gab es keinen Adel. Der Bauer war dort nie Leibeigener. Demzufolge sucht man Schlösser und Burgen dort vergebens, außer als Wehrburgen in der Grenzregion. Keine Rede von Guttis und sonstigen Adeligen. In der Region um Narvik findet man dagegen Schilder zur jüngeren Geschichte. Die Schlacht um Narvik ist immer noch in Erinnerung. Davon wußten wir bisher nichts. Über die Existenz des größenwahnsinnigen Schiffes „Tirpitz“ habe wir in seiner Bedeutung erst dort erfahren. Was hat „das größte Reisebüro der Welt“, die Wehrmacht eigentlich dort verloren gehabt? Zurück in Deutschland stellen Schlachtplätze wohl ein touristisches Highlight dar. In der Schlacht von Gransee hat der Mecklenburger gegen den Brandenburger und der Wittelsbacher hat auch noch … insgesamt 7000 Mann die sich für irgendeinen Quatsch auf die Schädel gehaut haben.

Schlacht bei Gransee 1316.

Das Schild hat natürlich eine Öffnung, so daß die Schlacht für die Instagram-Jünger perfekt in Szene gesetzt wird. So geht Tourismus heute! Der letzte Depp versteht es, ein Bild oder Selfie an dieser Stelle aufzunehmen.

Im Erzgebirge waren wir in den letzten Jahren schon öfter. Die Region ist wirklich schön, jedoch auch relativ kühl von den Temperaturen. Die Natur ist beeindruckend, allerdings wirken die Wälder sehr düster. Gerade richtig für eine Figur wie den Räuber Hotzenplotz von Otfried Preußler. Auf einer Anhöhe bei Annaberg-Buchholz übernachten wir. In der Nähe steht ein Burgfried, den ein reicher Fabrikant in der Zeit der Burgenromantik aufbauen ließ. Von seiner Zinne aus hat man einen umfassenden, meinetwegen auch romantischen Blick, auf die Stadt.

In Morgenröthe-Rautenkranz erwartet uns ein Highlight der etwas anderen Art. In einem Kaff mit 800 Einwohnern steht ein modernes Gebäude in quatratisch praktischer Manier. Daneben eine Stele und in der Nähe ein Kampfjet aus sowjetischer Produktion auf einem Potest. Während Karin ungläubig stutzt, war mir sofort klar, um was es sich hier handeln muß. Um eine jüngere Mythologisierung eines geschichtlichen Ereignisses. Und da kommt bei dem ganzen Zirkus nur einer infrage, der im Westen Deutschlands auch heute noch ziemlich unbekannt geblieben ist: Sigmund Jähn, der erste Deutsche, der ins All flog. Lange vor der Zeit der medialen Inszenierung um Astronauten wie Alexander Gerst, hat sich ein Ostdeutscher unter sowjetischer Ägide auf den Weg gemacht, das Weltall zu erkunden. Die Ossis kennen ihn, dem Wessi muß er heute noch in Erinnerung gerufen werden. Er wurde hier in der kleinen Gemeinde im Vogtland geboren.

Das Gebäude wirkt ziemlich überdimensioniert für den kleinen Ort.
Die MIG 21 aus den 60er Jahren.
Die Deutsche Eiche steht !

Ja, zum Abschluß kommen wir wieder zu den Bäumen. Begonnen haben wir unsere Reise mit einem Zitat des Knetzgauer Bürgermeisters Stefan Palus: „Die Birke ist kein fränkischer Baum und sie muß weg. Für jeden Biologen ist sie ein Gräuel. Sie ist ein nordischer Baum“ Mit solchen Aussagen im Gepäck reisten wir in den Norden Europas. Die Entgültigkeit und Vehemenz der Aussage eines fränkischen Bürgermeisterleins hat uns tausende von Kilometern begleitet. Ja, die Birke ist ein nordischer Baum. Sieht steht dort nicht nur vereinzelt, sondern gruppiert sich dort zu Waldlandschaften. Bis in den hohen Norden kommt sie vor. Ganz oben findet man sie allerdings nicht mehr. In Deutschland hat sie uns auf den Landstraßen im Osten bis an die Grenze Bayerns begleitet. Nicht nur vereinzelt stehend, sondern in Alleenform, fast durchgängig von Nord nach Süd. In Bayern ändert sich die Landschaft. Die Alleen sind veschwunden. Birken stehen nur selten. In gewisser Hinsicht hat der Knetzgauer Recht. Die Birke ist kein fränkischer Baum, oder sollte man vielmehr sagen nicht mehr! Und Alleen gelten wohl als Sicherheitsrisiko für den Verkehr. „Des Gelump muß wach. Es mecht an Drag.“ So höre ich die Verantwortlichen und ihre Schergen in meinem Ohr. Nur warum funktioniert das Ganze wenige Kilometer entfernt in benachbarten Bundesländern? Es hat schon seinen Grund warum der NABU-Deutschland unsere Region als Paradebeispiel für einen versauten ländlichen Umweltschutz anführt. Punkt. Aus.

P.S. Zum Bild der „Deutschen Eiche“ gibt es natürlich auch noch eine Geschichte. In Ystad (Schweden) hat sich ein älterer Herr beim Frühstück zu uns gesetzt. Wir hatten ein nettes Gespräch. Es handelte sich um einen Deutschen, der vor vielen Jahren nach Schweden auswanderte um dort zu arbeiten und seine Frau zu heiraten. Auf die „Birkenproblematik“ in unserer Heimatgemeinde angesprochen, antwortete er: „Was wollen die dann dort pflanzen? Wahrscheinlich die deutsche Eiche.“ Sein abschätziger Blick sprach Bände. Wir konnten nur schweigend zustimmen.

Zurück in Deutschland

Nachts legt die Fähre in Rostock an. Viel zu dunkel, um auf die Schnelle einen sicheren Übernachtungsplatz auszumachen. An den angefahrenen Plätzen in Rostock sitzen komische Gestalten in Autos herum. Seltsam, in Skandinavien fühlten wir uns sicher, zurück in der Heimat macht sich ein Gefühl von Unsicherheit breit. Nein, in Rostock wollen wir die Nacht nicht verbringen. Wir fahren aufs Land. In dem Städtchen Schwaan parken wir an dem Fluß Warnow auf einem Parkplatz. Es dauert nicht lange, da fährt ein Auto dicht an uns heran und der Fahrer lurt auf unser Nummernschild. „Wo die wohl herkommen. Was wollen die da.“ Welcome home. So ein Verhalten haben wir nicht vermisst, aber so schnell auch nicht erwartet. Trotzdem war die Nacht ruhig. Vielleicht müssen wir uns an diese einheimischen neugierigen Trottel einfach nur wieder gewöhnen. Vermisst haben wir sie nicht.

Über das Brandenburger Land schieben wir uns langsam nach unten. Unsere erste Überlegung war, über Westdeutschland zu fahren, was wir sehr schnell verworfen haben. Im Ruhrpott leben einfach zuviele Menschen. Das wäre ein Schock für uns. Wir entscheiden uns für den Nachhauseweg über Ostdeutschland. Weniger Menschen und die Regionen sind reizvoll.

Zurück und alles hat den Anschein in Überregulierung zu erstarren. In meinem Buch über Finnland wird Deutschland im Vergleich dazu als überregulierte Gesellschaft beschrieben. Bei uns wird vieles im Gegensatz zu Skandinavien über Verbotsschilder geregelt. Man soll dies, man darf das nicht. Bei vielen Einwohnern ist diese Vorgehensweise vielleicht notwendig. Der Sicherheits- und Verbotswahn ist zumindest augenfällig. Ein finnischer Bauer hat das einmal so beschrieben: „Ich kann doch die Leute über Verbotsschilder nicht behandeln wie kleine Kinder.“ Die Stege zu den Booten sind in Skandinavien offen, Geländer an exponierten gefährlichen Stellen sind selten.

In Rheinsberg ist der Bootsteg verschlossen.

Zumidest das Brot ist für Karins Geschmack erträglicher geworden. Und im Brandenburger Land verstehen sie es, eine richtig leckere Sülzwurst herzustellen. Weiter geht es über den Spreewald und die Lausitz. Auffällig ist auch hier die Polizeipräsenz. In Rheinsberg werden Autos und Mofas kontrolliert, ständig kommen einen Polizeiwagen entgegen, oder stehen herum. In Norwegen haben wir drei Fahrzeuge gesehen, alle unbemannt vor der Wache stehend. In Schweden fuhren mal zwei Fahrzeuge hinter einem Rettungswagen. Nur in Finnland war in der Nähe der russischen Grenze ein ähnliches Polizeiaufkommen zu beobachten wie in Deutschland. Seltsam, daß zurück in der Heimat die Präsenz der Ordnungshüter kein Gefühl der Sicherheit vermittelt, sondern eher das Gegenteil bewirkt.

Fehmarn

Nach einem ausgiebigen Mittagessen bei der Familie ging es um die Mittagszeit endlich los. Unser „Herbi“ war startklar und wir auch.

Unsers erste Etappenziel ist Fehmarn. Von dort wollen wir nach Dänemark übersetzen. Die Insel ist relativ klein. Einen kostenlosen Stellplatz haben wir über Park 4 Night gefunden. Er liegt direkt am Deich und Toiletten sind vorhanden. Auf Fehmarn füllen wir noch kurz die Vorräte auf und befahren an einem warmen Tag die Fähre in Puttgarden, die uns in 45 Minuten nach Dänemark bringt.