Serpentinen, Heilige und gute Lokale

Die albanische Sprache klingt für unsere Ohren hart und es ist schwer abzuwägen, ob die Worte der Menschen einen freundlichen Inhalt transportieren, oder mit Gehässigkeit gespickt sind. Um so wichtiger ist für uns die Konzentration auf Mimik und Gestik. Bei unseren Begegnungen mit den Menschen in den dünn besiedelten Regionen der Bergtäler des Nordens haben wir bisher nur positive Erlebnisse. Uns wird zugewunken, obgleich der mürrische Blick nie ganz aus den Gesichtern der Menschen zu weichen scheint. Als Dankeschön wird gehupt, wenn wir auf den Straßen ein schneller fahrendes Auto überholen lassen. An den Gemüseständen kommt unserem Naturell entgegen, daß anders als in vielen südlichen Ländern nicht um den Preis gefeilscht wird. Der Preis der Waren ist fix. Bezahlt wird, was der Händler verlangt. Die Preise sind moderat und ohne die oft aufgeschlagene „Touristensteuer“. Lek ist zwar die offizielle Währung des Landes, aber an vielen Orten wird die Begleichung der Rechnung in Euro gerne gesehen, zu unseren Ungunsten, jedoch zum Vorteil der Einheimischen.

Die Festung von Lezhe.
Schweine laufen hier oftmals frei herum.
Die Wallfahrtskirche von Lac.
Diese Treppe nervt von Anfang an.

Das Gewohnheitsrecht der Albaner, der Kanun, wird durch deutsche Medien oftmals auf den Teilaspekt der Blutrache reduziert. Dabei handelt es sich um einen Kanon, der Grenz-, Fischerei-, Jagd-, Erb-, Schuld- und andere Bereiche des menschlichen Zusammenlebens regelt. Im Norden Albaniens ist diese Rechtsauslegung anscheinend auch heute noch gebräuchlich, allerdings zunehmend in pervertierter Form. Wir hoffen mal, daß wir auf orthodoxe Albaner treffen, für die der Gast laut Kanun in besonderer Form geschützt ist. Im Vorgarten unseres Gastgebers sehen wir ein Mühlrad in Miniaturversion direkt vor dem Eingang des Hauses. Glaubt man den Ausführungen in Ismail Kaderes Roman Der zerrissene April, darf niemand in der Nähe eines Mühlrades umgebracht werden. Ein symbolischer Schutz unserer Gastgeber?

Wir fahren zur Lagune von Patok. Nach einem ausgiebigen Mittagessen fällt die Weiterfahrt schwer. Auf einem ausgedehnten Schotterplatz stehen wir gut. Wir trinken Kaffee, lesen und beobachten die Pärchen, die mit ihren Mofas und Autos kommen und gehen, eine Weile am Strand sitzen, reden und aufs Meer schauen. Das Meer klingt wie eine Badewanne, die gerade eingelassen wird. Der Mond erhebt sich im Osten, gesäumt von bläulichem Licht, das mit dem tiefroten Schimmer des Sonnenuntergangs im Westen konkurriert. Am Abend fallen Schüsse, die bis Mitternacht andauern. Keine zweihundert Meter von uns entfernt werden Tontauben geschossen. Manchmal hören wir nach einem Schuß ein leichtes Rieseln auf unserem Fahrzeugdach. Irgendwann hören wir lautes Vogelgreischen. Für unsere Ohren kommt das Geräusch aus dem Kofferraum eines Wagens, der neben dem Gebäude der Schießwütigen parkt. Wir sind uns nicht mehr sicher, ob nur auf harmlose Tontauben, oder auf lebende Vögel geschossen wird, die zuvor mit einer Lichtquelle präpariert werden. So genau wollen wir es auch gar nicht wissen. Der Camper aus Bad Tölz, der näher bei den Schützen stand hat in der Nacht umgeparkt. Am nächsten Morgen steht er genau vor uns.

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