Ostern, oder saufen für den Endtopf

An Ostern fahren viele in den Süden, wir auch. Wir wollen an den Comer See. Einfach nur relaxen, auf das Wasser schauen und dort ein paar schöne Tage verbringen, so der Plan. Unsere Reisepläne sind bisher nie aufgegangen, auch dieses mal nicht. Unser Reiseverhalten ist nicht für Pläne gemacht, wir entziehen uns der Planbarkeit, nicht bewußt, doch der Keim des Unwägbaren begleitet uns auf all unseren Reisen. Wir lassen ihn zu, denn nur dadurch bekommt unser Reisen einen Sinn. Wir erinnern uns im Nachgang in erster Linie an die Mißgeschicke der Reise, nicht an die geglückten Situationen und die schönen, meinetwegen auch romantischen Momente. Diese Reise ist gespickt mit Unwägbarkeiten, die wir Gott sei Dank gemeistert haben.

Das landschaftliche Panorama bei St. Moritz ist beeindruckend. Der St. Moritzersee ist Mitte April noch von einer dicken Eisschicht bedeckt. Sils Maria ist nicht weit und man kann Nietzsche vieles vorwerfen, aber er hatte in der Wahl seines Sommersitzes definitiv keinen schlechten Geschmack. Auf einer Höhe von über 1800 m ü. M. fühlt sich auch heute noch jeder Zarathustra wohl:

„Hier saß ich, wartend, wartend, – doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.
Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei –
– Und Zarathustra ging an mir vorbei …“

Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft (1882)

Wir sind am Ursprung des Inns, den wir die ganze Zeit durch unsere Fahrt durch das Engadin gefolgt sind.

Parkuhren am St. Moritzersee. In der Schweiz hat alles seinen Preis.

Über den Malojapass fahren wir ins italienische Chiavenna. Das letzte Stück geht in Zickzackkurven nach unten, dabei fühlen wir uns an die Fahrt des Trollstigens zurückversetzt, nur daß um diesen Pass nicht so ein großes Bohei gemacht wird. In der Lombardei herrscht noch Maskenpflicht im Supermarkt und selbst auf den Gehsteigen sieht man ältere Menschen mit Masken laufen. Wir wollen zum Comer See und ein paar Tage nur dümmlich auf den See starren. Wie so oft bei Seen und Bergen geht unser Plan auch dieses Mal nicht auf. Wir laufen am See spazieren, genießen das Panorama und gruseln uns vor der Masse an Campern, die wie die Ölsardinen in ihren Wagenburgen aufeinander sitzen. Nach einem obligatorischen Espresso in einem Café abseits der Seemeile suchen wir das Weite. Nur weg von hier, ab in die Pampa.

Am Ufer des Comer Sees.

Wer nach der Pampa ruft bekommt sie auch, manchmal mehr als einen lieb ist. Von Moggio aus führt der Culmine San Pietro-Pass auf einer Strecke von ca. 18 Kilometern nach Vedeseta. Er verbindet das westlich gelegene Tal Valsassina mit dem östlichen Val Taleggio. Auf dem Pass sind viele Motorradfahrer unterwegs. Für LKWs ist die Benutzung untersagt. Ein Verbotsschild für Wohnmobile steht in Moggio nicht, deswegen sehen wir keinen Grund, den Pass nicht zu befahren. Nach kurzer Zeit wird die Straße einspurig und die Ausweichbuchsen sind nur sehr sporadisch vorhanden. Wir hoffen, daß von der anderen Seite kein Camper so irre ist, den Pass zu benutzen, ansonsten hätten wir ein ernsthaftes Problem. Uns kommen fast nur Kleinwagen entgegen. Bei einem Pickup müssen wir schon bis an die Abbruchkante rangieren. Seitliche Absperrungen gibt es nur selten und falls doch, sehen sie nicht sehr vertrauenswürdig aus. Direkt neben der Straße geht es wie an einer Klippe hunderte von Metern steil nach unten. Wir sind froh, als wir Vedeseta erreichen.

In Piazza Brembana stehen wir alleine an einem Platz neben dem Wertstoffhof. Grillstellen sind vorhanden, ein Brunnen plätschert vor sich hin und würde uns kostenlos Wasser bescheren. Die moderne Stromsäule nehmen wir dankend an, denn unser Kühlschrank braucht Strom und um diese Jahreszeit leistet unser Solarpanel nur einen geringen Ertrag. Einheimische laufen vorbei und grüßen, Hunde bellen in der Nähe und im Wohnblock gegenüber werden wir registriert. Der aus dem Fenster rauchende Italiener im weißen Unterhemd hat uns längst erspäht. Dennoch fühlen wir uns an diesem Ort wohler, als an den anonymen und mit Menschen überfüllten Plätzen direkt am See.

Ein „Frauenbier“ am Abend.

An Karfreitag fahren wir nach Mezzoldo, einem kleinen Dorf in der Provinz Bergamo. Bei einer kurzen Rast auf dem kommunalen Stellplatz stellen wir fest, daß der Endtopf unseres Auspuffes auf dem Boden hängt. Nach einer schnellen Inspektion stellt sich heraus, daß das Rohr direkt hinter dem Topf gebrochen ist. Diese Situation hatten wir bereits vor nicht einmal zwei Jahren während unserer Reise durch Deutschland. In Perleberg haben wir uns damals einen neuen Auspuff montieren lassen. Nun ist er nach kurzer Zeit erneut defekt. Genau an der gleichen Stelle gebrochen. Was für eine Qualität wird heutzutage eigentlich angeboten? Wenn wir uns so zurück erinnern, war früher ein Auspuffwechsel nach frühestens fünf Jahren fällig. Da musste man mit den Karren aber schon einiges an Kilometern runter schruppen. Bereits während der Fahrt in der Nähe von Nürnberg hören wir seltsame Geräusche. Erst ein Scheppern, dann ein Pfeifen und Fiepen. Daß die Ursache beim Auspuff zu suchen wäre, schoben wir von uns. So lange haben wir den ja nicht dran. Jedoch bringt ein drücken des Endrohrs mit dem Schuh die Geräusche zum Verschwinden. Wir hätten es also besser wissen müssen. Trotzdem fahren wir weiter und irgendwann verschwinden die Geräusche schließlich. DerTag in Mezzoldo ist für uns beide natürlich gelaufen. Wir sind beide deprimiert, jeder auf seine eigene Art und Weise. Wir gehen früh ins Bett und versuchen diesen Tag aus unserem Bewußtsein zu streichen. Nach einer kurzen Fahrt zum Einkaufen am nächsten Tag wird für uns klar, daß wir nicht ohne Endrohr weiter fahren können. Die Abgase verwirbeln unter dem Fahrzeug, drücken in den Innenraum und erhitzen den Kunststoff unseres Abwassertanks. Doch woher bekommen wir an Ostern in Italien einen neuen Auspuff? Nirgends. Deswegen entscheiden wir uns für die MacGyver-Lösung. Aus unseren leeren Jever-Bierdosen ist mit Hilfe einer Schere und eines Schweizer Messers schnell ein provisorisches Rohr gebaut. Danach umwickeln wir es mit mehreren Lagen Alufolie und befestigen es mit Tesa-Reparaturband am Abgasrohr- bzw. an der Aufhängung am Wagenboden.

„Wir haben da mal was vorbereitet.“
Das Ausgangsmaterial für unseren neuen Endtopf.
Genügend Material haben wir immer mit an Bord.
Mit Alufolie und Tesa Reparaturband wird die Konstruktion stabilisiert.
Bei der Montage.
Das Endrohr nach der Montage bewährt sich in der Praxis.

Am nächsten Tag entscheiden wir uns, den längeren Rückweg über Bergamo und den Gardasee anzutreten, statt über irgendwelche Alpenpässe den Weg in den Norden zu suchen. Das Konstrukt soll halten und bei der Fahrt auf der Autobahn sind die Chancen dafür definitiv höher. Aus der Übernachtung in Verona wird nichts. Die Stadt ist an Ostern heillos überfüllt. Die von uns angefahrenen Plätze sind alle belegt. Im Etschtal, bei Farrara di Monte Baldo (Brentino) erreichen wir am Abend einen kostenlosen kommunalen Stellplatz, der bis auf die letzte Bucht voll mit Campern ist. Direkt neben der Brennerautobahn A22 liegt er sehr verkehrsgünstig und bietet sich als Zwischenstopp an. Auf dem Platz stehen wir zwei Tage und lassen die Ostersonne auf uns wirken.

Das Dorfpanorama von Brentino.
Ein Brunnen an der Treppe zum Sanktuarium Madonna della Corona.

In Bozen kaufen wir noch einmal ein. Nudeln, Kapern und Sardellen im Glas. Vor allem Nudeln sind hier günstiger als in Deutschland und so decken wir uns mit diversen Packungen ein. Selbst in Südtirol ist die Fischtheke üppig bestückt: Vongole, Miesmuscheln, Kraken, Doraden und sonstige Köstlichkeiten. Wir genießen den Anblick ein letztes Mal. In Österreich erwarten uns im Supermarkt wie in Deutschland nur geräucherte Makrelen und Fischabfall in Mayonnaise ertränkt. Wer hätte gedacht, daß die Spritpreise in Italien günstiger sind als in Deutschland? Leider ist unser Tank noch gut gefüllt und wir werden erst in Österreich wieder eine Tankstelle ansteuern. Die „Geiz-ist-geil“-Mentalität muß ja nicht völlig unser Handeln bestimmen. Auf dem kommunalen Stellplatz in Benediktbeuern stehen wir die erste und letzte Nacht unserer Reise.

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