Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn…

Ab nach Italien, dort herrschen auch im Herbst noch sommerliche Temperaturen. Auf der A7 geht es Richtung Füssen, um bei Reutte nach Tirol zu fahren. Über die A7 fährt es sich entspannter als über die A9 nach München, denn der Verkehr hält sich in Grenzen. In Hopfen am See verbringen wir die erste Nacht auf einem Wanderparkplatz. Zwischen einem befahrenen Zuggleis und einem Naturschutzgebiet gelegen, wird der große Schotterplatz auch von Hundehaltern frequentiert, die ihre Vierbeiner dort ausführen. Außer uns steht nur noch ein weiteres Wohnmobil auf dem Platz. Am nächsten Tag in aller Frühe kommen die ersten Gassigänger. Nachdem sie ihre Köter ausgeführt und zurück ins Auto bugsiert haben, brausen sie mit Vollgas davon und drücken dabei sehr lange auf ihre Autohupen. Dieses Verhalten soll wohl bedeuten: „Verpisst euch, ihr Deppen“. Dabei kommt uns die Begegnung mit einem deutschen Segler ins Bewußtsein, den wir in einem schwedischen Hafen getroffen hatten und mit dem wir ein stundenlanges anregendes Gespräch führten. Dieser meinte er würde keinen Urlaub mehr in Bayern machen, da die sich dort eben so aufführen wie wir es in Hopfen am See erleben durften. Es mag ja sein, daß die Leute sich da unten mittlerweile vom Tourismus überrollt fühlen, aber mein Gott, wenn im Herbst und Winter die Parkplätze leer sind und die Camper ihren Müll wieder mitnehmen, dann gibt es doch keinen Grund sich so aufzuführen. So ein Verhalten haben wir bisher nirgends erlebt und es ist auch für uns ein Grund, die Region als Urlaubsziel zukünftig zu meiden, soweit sind wir uns mit dem Segler aus Schleswig einig. Oben im Norden hatten wir unsere Ruhe vor solchen Bergschraden.

In Tirol fahren wir über das Timmelsjoch nach Südtirol. Den Österreichern müssen wir dafür natürlich Maut berappen, die zum Teil an die Italiener transferiert wird. So spektakulär wie in meiner Erinnerung ist die Strecke nicht. Viele Spitzkehren gibt es, doch die Straße haben sie wohl seit den 80er Jahren verbreitert. Wir sind schon interessantere und schwierigere Pässe gefahren. Das Wohnmobil mit seinen 3 Tonnen Gewicht will natürlich gebremst werden. Bergab hat es dann doch gehörig aus den Radkästen gequalmt, da ich mit der Motorbremse etwas nachlässig umgegangen bin. Aber wir sind unten angekommen und fanden uns in Südtirol wieder, eine der langweiligsten Regionen, die wir bisher gesehen haben. Apfelplantagen soweit das Auge reicht, in einem Tal das nicht enden will. Schnell weg von hier.

Am Timmelsjoch.
Zwangspause am Timmelsjoch, da es aus den Radschächten qualmte.
Wie wäre es mit einem Schild auf dem steht was alles erlaubt ist… 🙂

Der Gardesee ist nicht viel besser. Eine Ortschaft reiht sich an die nächste. Restaurants, Cafes, Bars und Vergnügungshöllen für jedes Alter. Der See an sich ist schön, wenn nur der ganze Klimbim nicht wäre. In Torbole verbringen wir die Nacht auf einem städtischen Stellplatz auf dem die Toiletten bereits um 19 Uhr schließen. Toll, in Italien wird einem so langsam bewußt, welche Dimensionen das „Hartlingsche-Toilettendilemma“ annehmen kann und daß es auch wirklich existiert 🙂 Am nächsten Tag treffen wir Walter auf einem Campingplatz bei Lazise, der dort zufälligerweise mit einem befreundeten Ehepaar steht. Wir hatten einen schönen Abend mit den dreien.

Besuch bei Walter in Lazise auf dem Campingplatz.

Über das Podelta und Rimini geht es weiter nach Cascia in Umbrien. Dort sind wir durch Zufall gelandet. Wir sind den unzähligen Reisebussen vor uns hinterher gefahren. In Cacia liegt die Hl. Rita begraben. Fünf Kilometer weiter, in dem 70 Seelendorf Roccaporena wurde sie geboren. Dort haben wir genächtigt und dem Wallfahrtstreiben zugesehen. Willkommen in Italien. Wir sind am nächsten Morgen auf dem Kreuzweg zur Bergkapelle gelaufen. Dort soll die Heilige jeden Tag gebetet haben. Souvenirs haben wir bei den örtlichen Devotionalienhändlern natürlich auch erworben.

Roccaporena von der Bergkapelle aus betrachtet.
Reges Treiben im Wallfahrtsort.
Nicht nur Heiligenbildchen, auch regionale Spezialitäten gibt es hier.
Er sucht die Morgensonne….
il numero cinque.
Bilder am Kreuzweg.
Der Kläffer im Dorf.
Oben angekommen….
Vongolefischer im Podelta.

Der Verkehr in Italien ist extrem. Die dichte Besiedelung, vor allem an der Küste und in der Poebene tragen nicht dazu bei, ein Gefühl der Entspannung aufkommen zu lassen. Außerdem ist die Landschaft flach und ein Industriekomplex reiht sich an den nächsten. Die Straßen sind teilweise in einem erbärmlichen Zustand. Oft genug werden wir kilometerlang durchgerüttelt. Unsere Klospülung hat den Geist aufgegeben. An der Sicherung liegt es nicht, es wird wohl die Pumpe sein. Die eine Kennzeichenleuchte funktioniert ebenfalls nicht, ich weiß nur nicht wie ich die Lampenfassung öffnen soll, die Bedienungsanleitung ist etwas widersprüchlich gehalten. Was mir allerdings Sorgen bereitet: Die Temperaturanzeige steht immer in Mittelstellung, bei kalten wie bei warmen Zustand des Motors. Und ich bin mir nicht sicher, ob der Lüfter anläuft. Laut Internetdiagnose kann die Ursache vielfältig sein. Vom einfachen Masseproblem eines Kabels, den Temperatursonden, bis zur defekten Platine des Anzeigeinstruments. Wie beruhigend 🙂 Wir passen uns dem Land an, machen es wie die Italiener und ignorieren solche Nebensächlichkeiten. Erfreulich ist nämlich, daß der Espresso nur 1 € kostet und die Tassen, anders als in Deutschland, vorgewärmt sind. Es sind die kleinen Dinge, die zählen und glücklich machen. Natürlich schlagen wir dazu noch das Angebot an Meeresfrüchten an der Fischtheke, den hervorragenden Käse und die diversen Salamis. Der Verfasser dieses Textes wird auch nicht müde zu erwähnen, daß die Kutteln und Ochsenschwänze hier in verschiedenen Varianten angeboten werden. Hier scheint es eine Tür zum kulinarischen Paradies zu geben, die uns einen Spalt weit geöffnet wurde, was kümmert uns da eine Anzeige in einem Haufen rollenden Blechs, – erst mal.

Von Annaberg-Buchholz nach Morgenröthe-Rautenkranz bis zur Deutschen Eiche.

Durch Brandenburg in den Spreewald, weiter in die Lausitz und das Erzgebirge, dann in das Vogtland und in das Fichtelgebirge und schließlich vor die eigene Haustür zu fahren, hat schon seinen Reiz. Nach all den Wochen wird einem auch klar, daß Geschichte auch anders laufen kann. Während in Norwegen das Königshaus importiert wurde und ohne angehängten Adel regiert, begegnen einem bei uns die Geschichten um Schlachten der Adelgeschlechter (vielmehr der tributpflichtigen Bauern) an allen Orten. In Norwegen gab es keinen Adel. Der Bauer war dort nie Leibeigener. Demzufolge sucht man Schlösser und Burgen dort vergebens, außer als Wehrburgen in der Grenzregion. Keine Rede von Guttis und sonstigen Adeligen. In der Region um Narvik findet man dagegen Schilder zur jüngeren Geschichte. Die Schlacht um Narvik ist immer noch in Erinnerung. Davon wußten wir bisher nichts. Über die Existenz des größenwahnsinnigen Schiffes „Tirpitz“ habe wir in seiner Bedeutung erst dort erfahren. Was hat „das größte Reisebüro der Welt“, die Wehrmacht eigentlich dort verloren gehabt? Zurück in Deutschland stellen Schlachtplätze wohl ein touristisches Highlight dar. In der Schlacht von Gransee hat der Mecklenburger gegen den Brandenburger und der Wittelsbacher hat auch noch … insgesamt 7000 Mann die sich für irgendeinen Quatsch auf die Schädel gehaut haben.

Schlacht bei Gransee 1316.

Das Schild hat natürlich eine Öffnung, so daß die Schlacht für die Instagram-Jünger perfekt in Szene gesetzt wird. So geht Tourismus heute! Der letzte Depp versteht es, ein Bild oder Selfie an dieser Stelle aufzunehmen.

Im Erzgebirge waren wir in den letzten Jahren schon öfter. Die Region ist wirklich schön, jedoch auch relativ kühl von den Temperaturen. Die Natur ist beeindruckend, allerdings wirken die Wälder sehr düster. Gerade richtig für eine Figur wie den Räuber Hotzenplotz von Otfried Preußler. Auf einer Anhöhe bei Annaberg-Buchholz übernachten wir. In der Nähe steht ein Burgfried, den ein reicher Fabrikant in der Zeit der Burgenromantik aufbauen ließ. Von seiner Zinne aus hat man einen umfassenden, meinetwegen auch romantischen Blick, auf die Stadt.

In Morgenröthe-Rautenkranz erwartet uns ein Highlight der etwas anderen Art. In einem Kaff mit 800 Einwohnern steht ein modernes Gebäude in quatratisch praktischer Manier. Daneben eine Stele und in der Nähe ein Kampfjet aus sowjetischer Produktion auf einem Potest. Während Karin ungläubig stutzt, war mir sofort klar, um was es sich hier handeln muß. Um eine jüngere Mythologisierung eines geschichtlichen Ereignisses. Und da kommt bei dem ganzen Zirkus nur einer infrage, der im Westen Deutschlands auch heute noch ziemlich unbekannt geblieben ist: Sigmund Jähn, der erste Deutsche, der ins All flog. Lange vor der Zeit der medialen Inszenierung um Astronauten wie Alexander Gerst, hat sich ein Ostdeutscher unter sowjetischer Ägide auf den Weg gemacht, das Weltall zu erkunden. Die Ossis kennen ihn, dem Wessi muß er heute noch in Erinnerung gerufen werden. Er wurde hier in der kleinen Gemeinde im Vogtland geboren.

Das Gebäude wirkt ziemlich überdimensioniert für den kleinen Ort.
Die MIG 21 aus den 60er Jahren.
Die Deutsche Eiche steht !

Ja, zum Abschluß kommen wir wieder zu den Bäumen. Begonnen haben wir unsere Reise mit einem Zitat des Knetzgauer Bürgermeisters Stefan Palus: „Die Birke ist kein fränkischer Baum und sie muß weg. Für jeden Biologen ist sie ein Gräuel. Sie ist ein nordischer Baum“ Mit solchen Aussagen im Gepäck reisten wir in den Norden Europas. Die Entgültigkeit und Vehemenz der Aussage eines fränkischen Bürgermeisterleins hat uns tausende von Kilometern begleitet. Ja, die Birke ist ein nordischer Baum. Sieht steht dort nicht nur vereinzelt, sondern gruppiert sich dort zu Waldlandschaften. Bis in den hohen Norden kommt sie vor. Ganz oben findet man sie allerdings nicht mehr. In Deutschland hat sie uns auf den Landstraßen im Osten bis an die Grenze Bayerns begleitet. Nicht nur vereinzelt stehend, sondern in Alleenform, fast durchgängig von Nord nach Süd. In Bayern ändert sich die Landschaft. Die Alleen sind veschwunden. Birken stehen nur selten. In gewisser Hinsicht hat der Knetzgauer Recht. Die Birke ist kein fränkischer Baum, oder sollte man vielmehr sagen nicht mehr! Und Alleen gelten wohl als Sicherheitsrisiko für den Verkehr. „Des Gelump muß wach. Es mecht an Drag.“ So höre ich die Verantwortlichen und ihre Schergen in meinem Ohr. Nur warum funktioniert das Ganze wenige Kilometer entfernt in benachbarten Bundesländern? Es hat schon seinen Grund warum der NABU-Deutschland unsere Region als Paradebeispiel für einen versauten ländlichen Umweltschutz anführt. Punkt. Aus.

P.S. Zum Bild der „Deutschen Eiche“ gibt es natürlich auch noch eine Geschichte. In Ystad (Schweden) hat sich ein älterer Herr beim Frühstück zu uns gesetzt. Wir hatten ein nettes Gespräch. Es handelte sich um einen Deutschen, der vor vielen Jahren nach Schweden auswanderte um dort zu arbeiten und seine Frau zu heiraten. Auf die „Birkenproblematik“ in unserer Heimatgemeinde angesprochen, antwortete er: „Was wollen die dann dort pflanzen? Wahrscheinlich die deutsche Eiche.“ Sein abschätziger Blick sprach Bände. Wir konnten nur schweigend zustimmen.

Zurück in Deutschland

Nachts legt die Fähre in Rostock an. Viel zu dunkel, um auf die Schnelle einen sicheren Übernachtungsplatz auszumachen. An den angefahrenen Plätzen in Rostock sitzen komische Gestalten in Autos herum. Seltsam, in Skandinavien fühlten wir uns sicher, zurück in der Heimat macht sich ein Gefühl von Unsicherheit breit. Nein, in Rostock wollen wir die Nacht nicht verbringen. Wir fahren aufs Land. In dem Städtchen Schwaan parken wir an dem Fluß Warnow auf einem Parkplatz. Es dauert nicht lange, da fährt ein Auto dicht an uns heran und der Fahrer lurt auf unser Nummernschild. „Wo die wohl herkommen. Was wollen die da.“ Welcome home. So ein Verhalten haben wir nicht vermisst, aber so schnell auch nicht erwartet. Trotzdem war die Nacht ruhig. Vielleicht müssen wir uns an diese einheimischen neugierigen Trottel einfach nur wieder gewöhnen. Vermisst haben wir sie nicht.

Über das Brandenburger Land schieben wir uns langsam nach unten. Unsere erste Überlegung war, über Westdeutschland zu fahren, was wir sehr schnell verworfen haben. Im Ruhrpott leben einfach zuviele Menschen. Das wäre ein Schock für uns. Wir entscheiden uns für den Nachhauseweg über Ostdeutschland. Weniger Menschen und die Regionen sind reizvoll.

Zurück und alles hat den Anschein in Überregulierung zu erstarren. In meinem Buch über Finnland wird Deutschland im Vergleich dazu als überregulierte Gesellschaft beschrieben. Bei uns wird vieles im Gegensatz zu Skandinavien über Verbotsschilder geregelt. Man soll dies, man darf das nicht. Bei vielen Einwohnern ist diese Vorgehensweise vielleicht notwendig. Der Sicherheits- und Verbotswahn ist zumindest augenfällig. Ein finnischer Bauer hat das einmal so beschrieben: „Ich kann doch die Leute über Verbotsschilder nicht behandeln wie kleine Kinder.“ Die Stege zu den Booten sind in Skandinavien offen, Geländer an exponierten gefährlichen Stellen sind selten.

In Rheinsberg ist der Bootsteg verschlossen.

Zumidest das Brot ist für Karins Geschmack erträglicher geworden. Und im Brandenburger Land verstehen sie es, eine richtig leckere Sülzwurst herzustellen. Weiter geht es über den Spreewald und die Lausitz. Auffällig ist auch hier die Polizeipräsenz. In Rheinsberg werden Autos und Mofas kontrolliert, ständig kommen einen Polizeiwagen entgegen, oder stehen herum. In Norwegen haben wir drei Fahrzeuge gesehen, alle unbemannt vor der Wache stehend. In Schweden fuhren mal zwei Fahrzeuge hinter einem Rettungswagen. Nur in Finnland war in der Nähe der russischen Grenze ein ähnliches Polizeiaufkommen zu beobachten wie in Deutschland. Seltsam, daß zurück in der Heimat die Präsenz der Ordnungshüter kein Gefühl der Sicherheit vermittelt, sondern eher das Gegenteil bewirkt.

Skandinavien – Auf Wiedersehen…

Langsam neigt sich unsere Skandinavienreise dem Ende zu. Über zwei Monate waren wir unterwegs und die unterschiedlichen Landschaften der einzelnen Länder haben uns fasziniert. Von Trelleborg geht es mit der Fähre in 8 Stunden über die Ostsee nach Rostock. Wehmut macht sich breit, denn wir hatten herrliche Tage hier und das Wetter spielte mit. Wir hatten an zwei Tagen richtig Regen, ansonsten nur Sonnenschein und angenehme bis heiße Temperaturen. Es hätte auch anders laufen können. So aber, haben die skandinavischen Länder sich uns von ihrer schönsten Seite gezeigt. Als Fazit kann man sagen, daß sich die Reise gelohnt hat. Wer mit dem Camper unterwegs ist, wird keine bessere Region finden was die Infrastruktur an Ver- und Entsorgungsmöglichkeiten angeht. Wer die Einsamkeit in den Wäldern und der Natur liebt, kommt auf seine Kosten. So einen klaren und überwältigenden Sternenhimmel wie in Finnland habe ich bisher noch nie gesehen. Kein Lichternebel einer Ansiedlung oder Stadt in der Ferne lenkt in den Weiten des Landes ab. Bei uns wird der Horizont nicht dunkel. Irgendwo, 30 Kilometer weiter ist eine Stadt, die ihre Lichtverseuchung in die Nacht schickt. Das Surren von Mücken am Ohr, das Schnappen eines Fisches an der Oberfläche eines Sees, die unheimliche Stille, die entgegen der landläufigen Meinung nicht „still“ ist, sondern laut in die eigenen Gedanken eindringt. Hier kann man sie finden. Gut ausgestattete Grillplätze gibt es zuhauf. Unsere Übernachtungsplätze lagen an traumhaften Orten. Was will man mehr? Wie bereits erwähnt, findet man häufig Toiletten und Mülleimer. Für Reisende im Wohnmobil eine vorbildliche Situation. Die Menschen, denen wir begegnet sind, waren freundlich und wir hatten nie das Gefühl der Unsicherheit an einem bestimmten Ort. Selbst in den Städten treiben sich weniger „abgebrochene Gestalten“ herum als bei uns. Zumindest haben wir sie nicht gesehen 🙂 Der Rhythmus ist langsamer als gewohnt. In der Regel laufen die Menschen gemächlich, selbst wenn sie einkaufen hetzen sie nicht und die Milch wird von der Verkäuferin nicht hecktisch über das Einkaufsband nach vorne geschleudert. Die Lebensmittel in den Läden sind teuerer als bei uns, allerdings haben wir den Eindruck, daß die Qualität besser ist.

Zurück in Schweden

Seit ein paar Tagen sind wir wieder in Schweden. Der Verkehr ist entschleunigend, wie wir es von der Hinfahrt und aus Norwegen gewohnt waren. Mit 70 km/h durch die Landschaft und mit 110 km/h auf der Autobahn. Diese Regelungen würden wir uns auch in Deutschland wünschen. Unseretwegen auch die unzähligen permanenten Kameras am Straßenrand. Das Navigationsgerät warnt uns rechtzeitig vor ihnen. Aber ihr Vorhandensein hat einen erzieherischen Effekt, der nicht zu unterschätzen ist. So viele Begegnungen und Gespräche wie in Schweden hatten wir weder in Norwegen und Finnland, noch in Estland und Lettland. Die Schweden sind einfach sehr kommunikativ, nett und hilfsbereit. In Norwegen hat man oft das Gefühl, sie sind überheblich und „gucken einen mit dem Arsch nicht an“. Finnland dagegen ist ein eigenes Kapitel wert. Dort wird man komisch beäugt, wenn man sich nur erdreist ein Lächeln auf den Lippen zu tragen. Vor sich hinstarren und flüstern gilt wohl als stilvoll. Die Pärchen an den Tischen in den Restaurants schauen sich gegenseitig an, wortlos natürlich, pulen mit Zahnstochern in den Zähnen herum und sehen sich dabei in die Augen. So scheint Erotik auf finnisch zu laufen. Aber wir sind zurück in Schweden und uns gefällt es sehr gut hier, vor allem auf Öland (!). Zur Hauptsaison möchten wir zwar nicht hier sein, aber Anfang Septemper läßt es sich hier aushalten. Viele Touristengeschäfte haben bereits geschlossen, was uns nicht weiter stört, solche Läden betreten wir sowieso nur selten. Der Süden der Insel ist reizvoller als der Norden, der eher an die Vegetation und Siedlungsweise des Festlandes erinnert. Im Süden findet man viele Zeilendörfer und für Ornithologen ist die Insel sicher ein Paradies. Auffällig sind die unzähligen, in den Wind drehbaren Windmühlen. Heute stehen davon noch ca. 400. Im 19. Jahrhundert waren es um die 2000 Stück. Für historisch Interessierte sind die Gräberfelder aus der Eisen- und Wikingerzeit zu nennen. Am beeindruckendsten sind allerdings die Steinkreise, die hier äußerst zahlreich vorkommen und sich auch auf den Weiden der Bauern befinden. Wenn ich mir an dieser Stelle so manchen fränkisch-teutonischen Bauern vorstelle, dann habe ich nur den Spruch im Ohr: „Des aldda Gelumb muss wach“. Und es ist ja auch weg. Wo findet man so etwas noch bei uns? Die Steinzertrümmerer unserer Großbauern haben den Rest schon vor langem ins historische Nirvana geschickt.

Hier stehen die gleichen Bäume, nur empfinden wir sie anders.
Es sind die gleichen Menschen, nur sehen wir sie anders.
Wir führen ähnliche Gespräche, nur verlaufen sie anders.

Lettland

Die drei baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen sind nicht sehr groß. Wer nicht aufpasst, fährt schon mal unbeabsichtigt über die Grenze. Die im Gepäck befindlichen Reiseführer der Touristen tragen deshalb oft den zusammenfassenden Titel „Baltikum“. Und auch wir dachten nicht, daß die Unterschiede zwischen den Ländern so augenscheinlich sind. Ein Würzburger Ehepaar, das uns in Finnland begegnet ist, meinte die Esten wären den Finnen sehr ähnlich, während die Letten und Litauer eher wie die Deutschen ( der Mann sprach von Polen 🙂 wären. Gleich nach der Grenze fällt auf, daß die Bausubstanz in den Ortschaften älter ist als in Estland. Die Landschaft hat sich trotz geografischer Nähe geändert. Plötzlich sind die Nadelbäume weniger geworden und Laubbäume nehmen zu. An der Küste und in den Wäldern finden sich wie in Estland Grillstellen. Die Sandstrände sind kilometerlang und in den Morgenstunden oft menschenleer (Warum nach Mallorca fliegen, wenn es hier so tolle Strände gibt?) Auf den Märkten bekommt man ausgezeichnete Ware. Frischen Knoblauch direkt vom Acker. Mit dreckiger Schale wie selbst angebaut und innen saftig und aroamtisch. Die Petersiliensträuße sind riesig und das Kraut schmeckt in unseren diversen Soßen sehr intensiv. Auf dem Markt bieten sie Pfifferlinge an. Ein Kilo kostet dort 5 €. Die Leute sind freundlich (wenn sie nicht hinter dem Steuer sitzen). Im Supermarkt geben sie uns Empfehlungen für den Salamikauf, weil wir wieder mal unschlüssig von einer Marke zur anderen laufen. Die großen Straßen in Lettland haben oft einen neuen Belag (sponsored by E.U.), bei kleineren Straßen bzw. abseits der Schnellstraßen kommen Erinnerungen an die Fahrten nach Hildburghausen und Meiningen gleich nach der Grenzöffnung auf. Das Gerumpel und die zigmal geflickten Wege scheinen kein Ende zu nehmen. In Estland waren die permanenten Kameras an den Straßen verschwunden, die Autofahrer hatten trotzdem einen ähnlichen Fahrstil wie die Finnen. Verwandt sind beide übrigens durch die finno-ugrische Sprachfamilie. Wenn ein Schild 90 Km/h anzeigt, dann fährt man diese Geschwindigkeit auch, egal ob die Fahrbahn trocken oder naß ist. Bei 30 km/h hält man sich allerdings auch an das Schild. Ist ein deutscher Schleicher unterwegs, wird er eben überholt. Langsam gewinnen wir den Eindruck, dass die Fahrweise immer unzivilisierter wird, je weiter wir Richtung Südwesten fahren. Die Höchstgeschwindigkeiten in den Ländern haben sich seit Norwegen stetig erhöht und der Fahrstil wird ebenfalls aggressiver. Geschwindigkeitsschilder haben in Lettland anscheinend nur Richtcharakteristik. Erstaunlich, daß nach der Grenze sofort ein anderer Fahrstil vorherrscht. Die LKWs fahren häufig weit rechts auf dem schmalen Seitenstreifen und das nicht ohne Grund. Von hinten schießen Autos heran, die auf einmal 5-6 andere Wagen überholen und dabei diverse Sperrstreifen und Abzweigmarkierungen ignorieren, um dann einen LKW oder einen Pkw gleichzeitig zweireihig (!) zu überholen. So etwas haben wir bisher auch noch nicht gesehen. Andere Länder, andere Fahrsitten… Von rechts fuhr mir einer aus einer Ausfahrt kommend fast in die Seite, vermutlich weil er in lettischer Manier dachte, meine Gegenfahrbahn sei ja frei und ich wechsle dorthin um ihn ausfahren zu lassen. Aber mein Hirn denkt eben deutsch und so schnell kann und will ich mich nicht umpolen. Wie wir von Anderen erfahren haben, ist der Fahrstil in Polen anscheinend noch rauer als hier. Auf der Straße geht es uns einfach zu aggressiv zu, weshalb wir den Entschluß gefasst haben, ein zivilisierteres Land anzusteuern, zumindest was den Straßenverkehr anbelangt. Es geht von Ventspils aus mit der Fähre nach Nynäshamn, also in acht Stunden einmal quer über die Ostsee, zurück nach Schweden. Wir übernachten am Fährhafen. In der Nähe findet eine Art Straßenfest statt. Jung und Alt sind auf den Beinen. Mehrere Stände bieten Kulinarisches und Selbstgemachtes an. Die örtliche Craft Beer Brauerei ist gut besucht und nach zwei Bier ist Karin fast soweit, daß sie auf die Tanzfläche geht, um zu lettischer Unterhaltungsmusik zu tanzen. Die Band ist wirklich gut. Der Sound ist druckvoll und die Töne stimmen. Der Typ am Kontrabass muß eine dicke Hornhautschicht an den Fingern haben 🙂

Estland

Die Landschaft hat sich verändert. Riesige Ackerflächen deuten darauf hin, daß Estlands jüngere Geschichte anders verlaufen ist als die finnische. An den Straßen stehen marode Agrarfabriken aus vergangenen Jahrzehnten. Ziegelsteinschlote in der Ferne kreuzen den Blick. Ein bißchen Wehmut an die finnischen Tage macht sich breit. In den Städten stehen alte Gebäude die zum Kauf angeboten werden. Die Plattenbauten, die nach wie vor bewohnt sind wirken trist. Die kubischen Wohneinheiten sind zahlreicher als in Finnland. Verläßt man Tallinns pittoreske Altstadt über die Ausfallstraßen, zeigen sich die grauen Plattenkolosse von der hässlichsten Seite. Trostlosigkeit, unterbrochen von Bushaltestellen, Einkaufsmärkten und überdimensionierten Telekommunikationsmasten. Die Straßenführung ist kurvenreicher, fast chaotisch, auf alle Fälle gewöhnungsbedürftig. Vorbei die Zeit der quadratisch-praktischen Haupt- und Nebenstraßen. „Das Manhattan des Nordens“ liegt hinter uns. Die Straßenschilder haben sich diesem Umstand angepasst. Es dominieren kurvige Darstellungen. Interessant, in Deutschland aufgrund des starken Verkehrsaufkommens vermutlich undenkbar, ist die Möglichkeit, auf einer vierspurigen Straße links auf die gegenseitige Spur zu wechseln. Eigentlich genial, denn so spart man sich hier den Bau von teuren Auf- und Abfahrten. Als Parkplatz dient eine lange Fahrspur der auch dort häufig anzutreffenden Bushaltestellen . Kartenzahlung ist hier immer noch die Regel. Bisher sind wir durch Skandinavien mit 100 € Bargeld gereist. Alles andere haben wir mit der Kreditkarte bezahlt. Die Preise in Estland sind angenehm günstig und haben deutsches Niveau. Nur die Nudeln sind teurer geworden. Und – in Estland liegt der „Mutti-Limes“. Es gibt hier keine Tomatensoße dieses Herstellers mehr in den Läden; – Schade. Noch ein anderer „Limes“ liegt hier. Der „Harisa-Limes“. Die würzige Chilisoße aus Tunesien war in Skandinavien nicht zu bekommen. Hier findet man sie zu günstigeren Preisen als zuhause. Erwähnenswert ist außerdem noch, daß ich bisher in keinem anderen Land so viele blonde und hübsche Frauen gesehen habe wie in Estland 🙂 Der Blick der Menschen hier erscheint offener. Ein Lächeln wird erwidert, es herrscht nicht mehr das Gefühl vor, sich für seine aufgeheiterte Stimmungslage entschuldigen zu müssen. Die Grill- und kostenlosen Übernachtungsplätze in den Naturparks sind ausgezeichnet. Die Ver- und Entsorgung für Wohnmobile ist allerdings nicht so einfach wie in Norwegen. Wo ein Licht brennt, ist eben auch Schatten….

P.S. ( Karin ): Auch der Spielautomaten-Limes wurde überquert. Fand man diese doch in Finnland in jedem Lokal und Supermarkt. Pustekuchen in Estland. Ach ja, auch die estischen Blondinen kennen Haarfarbe und Bleichmittel:-).

Impressionen 4

Lenin lebt

Finnland ist nicht nur der geografische Nachbar Russlands, auch in der geschichtlichen Vergangenheit war der Einfluss Russlands prägend für das Land. St. Petersburg ist nicht weit entfernt von Helsinki und russische Touristen begegnen uns ständig. Während es in der gesamten ehemaligen Sowjetunion kein einziges Museum zu Ehren Lenins mehr gibt, ist man hier seit 1946 stolz darauf, in Tampere ein Museum zu Ehren des Revolutionsführers betreiben zu dürfen. Wir haben es natürlich besucht 🙂

Gedanken zu Finnland

Wo ist das Dorf?

In dem Tatort „Tango für Borowski“ fragt der Kommissar einen Finnen, wo sich denn das Dorf befinde, worauf der Gefragte antwortet: „hier“. Die Szene verweist auf zwei finnische Eigenheiten. Zum Einen auf ihre sprichwörtliche Wortkargheit, zum Anderen auf die ländliche Siedlungsstruktur in Finnland, die mit der norwegischen bzw. schwedischen vergleichbar ist. Einen Dorfkern sucht man vergeblich. Die Ortschaften und kleinen Städte wirken wie eine willkürliche Anordnung von Häusern, die weitläufig in die Landschaft, oder vielmehr in den Wald gebaut werden. Für den Mitteleuropäer, der geschlossene Dörfer mit dem Marktplatz als Mittelpunkt des Gemeinwesens gewohnt ist, muten finnische Siedlungen seltsam an. Wer so etwas wie einen Mittelpunkt einer Ansiedlung sucht, sollte in Finnland nach der „Heiligen Dreifaltigkeit“ Ausschau halten. Zuerst macht man die Kirche (1) ausfindig. In der Regel befindet sich in näherer Nachbarschaft auch ein Supermarkt (2) und mindestens eine Tankstelle (3). Wer Glück hat, entdeckt auch noch einen „Grilli“, wo er einen Burger verdrücken kann, oder den örtlichen „Kioski“. Um die Szenerie komplett zu machen müsste noch ein Fabrikschlot in der Nähe stehen. Kommen all diese Dinge zusammen, befindet man sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mitten in Finnland.

Spielautomaten

Auffällig ist die Anzahl von Spielautomaten in Finnland. Während wir diese blinkenden Geräte mit Spielhallen im Industriegebiet, oder mit dem einarmigen Banditen im Dönerladen verbinden, gehören sie hier anscheinend zur Alltagskultur. Ob in der Tankstelle, im Supermarkt, sie stehen einfach überall. Und alle möglichen Leute werfen hier ihr Geld ein. Die Oma steht am Automaten neben dem Banker, der gerade Mittag macht und sich auf dem Weg zu seinem Grillwürstchen für kurze Zeit, ja was nur, Ablenkung, das große Glück, oder nur Zeitvertreib sucht? Da ich den Dönerladen erwähnt habe, eine kurze Warnung an dieser Stelle. Wir haben bisher einmal nicht selber gekocht. In Tampere sind wir in einem Dönerladen gestrandet und haben beide Iskender Kebap bestellt. Der ist normalerweise lecker, der obligatorische Joghurt verleiht dem Gericht eine kulinarische Leichtigkeit. Wir bekamen in dem Laden für 20 € zwei Portionen. Das Gericht war folgendermaßen aufgebaut. Auf dem Tellerboden legte man Weißbrotwürfel der luftigsten Sorte. Darüber war ein Berg mit labbrigen, wie es schien, ungewürzten Fleischstreifen drapiert. Daneben befand sich noch eine kleine Pseudoportion grüner Salat ohne Dressing und als Krönung des Ganzen: Ketchup und Unmengen einer orangen Soße, die man in jedem Laden käuflich erwerben kann und die unterschiedlichsten Gerichte zu verfeinern vermag. Die Fleischstreifen liegen auch im Kühlregal für den Anhänger der heimisch-schnellen Küche. Wir halten uns seitdem an die Empfehlung einer norwegischen Reisejournalistin: „Leute bleibt in euren Campern und kocht selber. „

Einaugen

Wer hat sie noch nicht gesehen im Straßenverkehr, die „Einaugen“. PKWs, oder LKWs bei denen eines von beiden Abblendlichtern defekt ist. In Skandinavien besteht Lichtpflicht auch am Tag, da könnte man meinen eine defekte Autolampe fällt nur eher auf als zuhause. Es gab bisher keinen Tag an dem uns nicht zumindest 10 Autos mit defekter Lampe entgegengekommen sind. Unser absoluter Rekord liegt bei über 30 Sichtungen auf einer Strecke von unter 200 Kilometern. Rätselhaft das Ganze. Handelt es sich um reinen Zufall? Sind die Finnen zu faul ihre Birne zu wechseln, oder herrscht hier ein Mangel an Ersatzteilen? Die Ordnungshüter scheint das nicht weiter zu interessieren, solange man sich pedantisch an die Geschwindigkeitsregeln hält. Da kennt man hier (wie in Norwegen) keinen Spaß. Alle paar Kilometer steht eine permanente Kamera. Zum Glück warnt uns unser Navigationsgerät davor frühzeitig. Falls es uns mal nicht warnt würden wir das schon zu spüren bekommen. Und zwar in Form von künstlich „aufgeschütteten Bergen“ mitten auf der Fahrbahn, die einem alle Knochen und das Auto malträtieren, um einen daran zu erinnern bei der nächsten Geschwindigkeitsbegrenzung etwas zivilisierter zu fahren.

Mal was Positives

Karin meint, ich solle doch mal was Positives über Finnland schreiben. Komisch, ich dachte, daß hätte ich bereits getan. Nun gut, nachdem uns nach 9000 Kilometern auf skandinavischen Rumpelpisten die Jalousie unserer Schiebetür abgefallen ist, die verfaulten Keilhölzer des Fensters uns täglich durch den provisorisch angebrachten Duschvorhang am Fenster anstarren, die hintere Fensterscheibe sich kurzzeitig aus der Verankerung löste, diverse Hacken im Auto abgefallen, die Eintrittsstufe durch einen Steinhaufen in Mitleidenschaft gezogen, Wasser durch die Oberlichter drang und diverse Verzierungen durch herunterhängende Äste unsere Wagenseite verschönern, an dieser Stelle mal etwas Positives: In Finnland kann man ohne Probleme frei stehen. Wir fahren nur einmal die Woche einen Campingplatz an um uns zu duschen und Wäsche zu waschen, ansonsten stehen wir frei. Irgendwo im Wald, auf freien Parkplätzen. Wo kein ausdrückliches Verbotsschild steht ist es in Finnland (wie in Norwegen) möglich frei zu stehen. Das bezeichnen wir als unschätzbare Freiheit. Deutschland wirkt dagegen überreguliert. Aber das mag der Größe des Landes und der geringen Einwohnerzahl geschuldet sein. Wo viele Menschen leben gibt es auch viele (überflüssige) Regeln.