Vom Burgenland in die Steiermark

Das Burgenland ist das östlichste der Länder Österreichs und gemessen an seiner Einwohnerzahl kleinste. Das Land ist stark von der Landwirtschaft geprägt, viele pendeln nach Wien, oder Graz zur Arbeit. Die Grundstückspreise sind hier noch äußerst niedrig. Erst durch den Vertrag von Trianon wurde das Burgenland im Jahr 1921 in das österreichische Staatsgebiet eingegliedert. Die Landschaft ist von den Ausläufern der Pannonischen Tiefebene geprägt, eher flach. Die Häuser in den Dörfern sind sehr klein und in der Regel einstöckig. Die Häuserzeilen präsentieren sich ohne Bauwich und laufen deswegen unserer architektonischen Gewohnheit zuwider. Die Fassaden leuchten ebenfalls in Farbnuancen, die so mancher spöttisch als „Trabifarben“ bezeichnen würde. Im südlichen Burgenland und der südwestlichen Steiermark finden wir keine hohen Berge und tiefe Täler. Der Blick kann bis zum Horizont schweifen und wird nur von der hügeligen Landschaft in der Ferne begrenzt. In Deutsch Jahrndorf stehen wir alleine auf einer Wiese im Ort. Das Dreiländereck Österreich-Slowakei-Ungarn befindet sich nicht einmal zwei Kilometer von hier und ist über einen Feldweg zu erreichen.

Dreiländereck Österreich-Slowakei-Ungarn bei Deutsch Jahrndorf, von der ungarischen Seite aus betrachtet. Rechts hinten sieht man die Hochhäuser von Bratislava.

Wir parken gerade auf den Hof unserer Gastfamilie in Deutsch Kaltenbrunn, als ein Gewitter mit Hagelschauer einsetzt. Der Hausherr öffnet die Scheune für uns, damit wir mit unserem Herbie den Hagelschauer sicher überstehen. Bereits bei der Fahrt zum Hof suchten wir Schutz unter einem Vordach einer Lagerhalle. Hagelkörner fallen in dieser Gegend oftmals in Form von Tennisbällen vom Himmel. Wir hatten Glück. Wenn selbst die Einheimischen sich mit ihren Autos unter Tankstellendächer stellen, sind wir nicht so vermessen dieses Naturphänomen zu bagatellisieren. Auf dem Hof sehen wir Brillenschafe und Hühner zur Selbstversorgung. Die Familie ist wieder einmal sehr unkompliziert und sympathisch. Am nächsten Tag treffen wir Thomas auf dem Hof. Er wohnt im Ort, ist Deutscher und hat lange im oberfränkischen Raum gelebt. Er lädt uns zu einem Kaffee ein. Sein Haus finden wir, da ein Auto mit Bamberger Kennzeichen in der Einfahrt steht. Er bewohnt einen alten Vierkanthof mit weitläufigem Garten und einem Pool, der fast schon als Schwimmbad durchgehen könnte. Auf seiner Veranda findet unsere erste Erfahrung mit dem Uhudler statt. Nach dieser Begegnung decken wir uns mit dem bürokratisch umstrittenen Rebensaft ein. Ein paar Flaschen Kürbiskernöl kommen natürlich mit dazu.

Ohne Worte.
Ein Blick in die Ferne von Kitzeck im Sausal aus.

Auf zu den Mistkübeln

Wir sind spät dran, deswegen nehmen wir, entgegen der Gewohnheit unserem Reiseverhalten die Benutzung der Autobahnen auszutreiben, den Frankenschnellweg Richtung Nürnberg. Bei Langwasser fahren wir ins landschaftlich unaufgeregte Nürnberger Land, trinken in einem Restaurant an einem Baggersee einen Pott Kaffee und machen uns dann auf in die Oberpfalz. In Neunburg vorm Wald stellen wir uns vor das örtliche Freibad. Hier gibt es eine Entsorgung, Strom und Frischwasser. Nach dem Abendessen laufen wir in den Ort. Es geht über eine Brücke, die über die Schwarzach führt. Nach der Brücke geht es links in den Stadtpark, bestehend aus einem See den man umrunden kann, einem Kiosk mit Bewirtung und einem kleinen Skaterpark. Direkt am Eingang in den Park steht ein Möbelhaus, daneben gibt es eine kleine Passage in die Stadt, die an einer mächtigen mittelalterlichen Wehrmauer endet. Irgendwie kommt uns das bekannt vor. Der rote Stuhl im Schaufenster des Möbelhauses, das seit den 80er Jahren keine wesentliche Veränderung, weder in baulicher Form, noch im feilgebotenem Inventar erkennen läßt. Die schnatternden Enten im Stadtsee, das Kiosk und die Informationstafeln des Pendelgängerlehrpfades rufen in uns ein Gefühl der Vertrautheit hervor und wir täuschen uns nicht. Laut unserem Logbuch waren wir vor fast genau einem Jahr in Neunburg und liefen den gleichen Weg im Park. Um ein Haar hätten wir diesen chronologischen Zusammenhang nicht erkannt. Während unsere Sinne wie Zwerge nach dem Golde schürfen, verhält sich unsere Erinnerung wie eine ihre Spielchen treibende Hure.

Neunburg vorm Wald.

Das Mühlviertel ist unspektakulär, zumindest für uns. Es erinnert landschaftlich an die Oberpfalz, oder an Niederbayern. Außerhalb von Ortschaften gibt es fast keine Parkmöglichkeiten. Jeder noch so kleine Weg führt zu einem Hof oder ist ein Privatweg. Wir entdecken Ähnlichkeiten zu Südnorwegen. Auch in dieser Region dominiert die Landwirtschaft und drückt der touristischen Infrastruktur ihren Stempel auf, der uns das Weite suchen läßt. Wer nicht rasten darf, fühlt sich nicht wohl und er fängt an zu glauben, er soll es auch nicht.

Nach St. Martin am Ybbsfelde verschlägt es uns zufällig. Dort gibt es laut App einen Stellplatz mit Wasserversorgung, Strom, und Entsorgung und das alles kostenlos. Als wir ankommen sind wir die einzigen am Platz. Unsere Vorstellung ging in eine andere Richtung, aber vielleicht sollten wir nicht von unseren Reiseverhalten auf das von anderen schließen. Gegenüber der Kirche und dem Gemeindeamt stehen wir auf einem Parkplatz, der in nächster Nähe zur Caritas, der örtlichen Sportstätte und dem Kindergarten gelegen ist. Eine Sitzgruppe finden wir ebenso vor, wie eine Möglichkeit unseren Müll zu entsorgen. Idyllischer geht es kaum, wenn man in der Lage ist, auf Flußufer und Badesee zu verzichten. Ein 1000-Seelen-Fleckchen tut es auch, vor allem wenn die Geschichte des Ortes Verknüpfungen eröffnet, die wir vorher in ihrer historischen Koinzidenz nicht erahnt hatten. Karl der Große schlägt im Ybbsfelde die Awaren und das Adelsgeschlecht der Babenberger hat ein paar Jahrhunderte später nicht nur in Franken politischen Einfluß. In Österreich stellen sie bis 1246 das Herrschergeschlecht, danach erst betreten die Habsburger die politische Bühne. In St. Martin befindet sich die älteste Oktavglocke der Welt, die wohl auf eine Stiftung der Babenberger um das Jahr 1200 zurück geht.

Die Wachau erinnert uns landschaftlich an die Moselregion. Weinberge auf der einen Seite von den Steillagen bis direkt an die Straße, während auf der anderen Seite die Donau mit schneller Strömung an uns vorbei fließt. Abends stehen wir bei einer Winzerfamilie im Kamptal des Waldviertels, die bei Bauernleben gelistet ist. Auf diesen Höfen darf man kostenlos übernachten, wenn man sich vorher die App, das Buch und die Mitgliedskarte für ca. 30 Euro besorgt hat. Wir bekommen sogar Strom, für den wir sehr dankbar sind, da unser Kühlschrank bei diesen Temperaturen an sein Limit kommt. Die Familie Eisenbock baut übrigens einen trinkbaren Grünen Veltliner aus, den sie auch nach Deutschland verschicken.

Auf dem Weg zum Stift Melk.
Burgruine Gars am Kamp.

P.S. Die Überschrift ist keinesfalls despektierlich gemeint, sondern verweist lediglich darauf, daß Deutsche und Österreichischer die gleiche Sprache sprechen, jedoch Begriffe mit unterschiedlichen Bedeutungen verwenden, die auf eine andere sprachlich-soziale Kultur hinweisen: „In Deutschland stehen weder auf dem Land, noch in den Städten Mistkübel. In Österreich stehen sie nicht nur am Land an öffentlichen Plätzen und Rastanlagen, sondern überall und vor allem zahlreicher als in Deutschland“. :-))

Aus der Camperküche – Miesmuscheln

Bei dem Rezept handelt es sich zugegebenermaßen nicht um eine Spezialität der Thüringer Küche. Wer diese sucht, dem empfehle ich zum Einstieg „Fritz„. In Mecklenburg haben wir (in den Supermärkten) vergeblich nach Muscheln Ausschau gehalten, in Thüringen wurden wir schließlich fündig. Für das Gericht benötigen wir 1kg Miesmuscheln, die wir im Wasser von eventuellen Bartresten und Anhaftungen befreien. Beschädigte Muscheln werfen wir an dieser Stelle weg. Auf einen Klopftest verzichten wir. In einen großen Topf geben wir Olivenöl, Chillies nach Geschmack (ca. 5), drei Knoblauchzehen, 2 EL Kapern und 6-7 klein geschnittene Tomaten, von denen wir das Kerngehäuse entfernen und nur das Fruchtfleich verwenden. Zwei große geviertelte Zwiebeln lösen wir in einzelne Spalten auf und geben sie zum Soßenansatz.

Das ganze lassen wir schmoren bis aus den Tomaten eine sämige Soße geworden ist und die Zwiebeln bißfest bis weich sind. Ein Schuß trockener Weißwein verhindert, daß unsere Soße anbrennt und gibt dem Gericht eine wunderbare Note, alternativ verwendet man den Saft einer Zitrone. Normalerweise salzen wir jetzt. Da unsere Kapern in Salz eingelegt sind verzichten wir darauf. Ein gehäufter TL getrockneter Thymian sorgt für die nötige Würze.

Wir haben noch eine halbe Möhre übrig, deshalb kommt die mit in den Topf.

Am heimischen Herd beginnen wir in der Regel damit, die Zwiebeln zu dünsten, löschen mit Weißwein ab und geben erst dann die Tomaten dazu. Die hier beschriebene Variante funktioniert aber ebenso. Zum Schluß geben wir die Muscheln dazu, schließen den Topf mit einem Deckel und und erhöhen die Temperatur. Ab und zu rühren wir um. Nach ca. 8-10 Minuten sollten sich die Muscheln geöffnet haben. Nachdem wir noch eine gute Portion frischer Petersilie untergemengt haben, können wir servieren.

Der Name Miesmuschel leidet sich übrigens vom moosartigen Bewuchs ab, den die Muscheln auf dem Meeresboden bilden und lässt keine Rückschlüsse auf einen schlechten Charakter der Meerestiere zu. Etwaiges blasses Muschelfleisch ist nicht verdorben, es handelt sich um die Männchen. Die Weibchen haben eine orange-gelbliche Farbe.

Guten Appetit.

Und immer wieder der Osten…

Straße in Perleberg.
Vor dem Postamt in Perleberg.
Marktplatz Perleberg.
Schloß Ludwigslust.
Kaskaden in Ludwigslust.
Schade, sie waren schon in der Autolyse. Diese Schopf-Tintlinge wären eine leckere Pilzmahlzeit gewesen.
Gesehen im Kloster Malchow.
Lecker Fischbrötchen in Ribnitz-Damgarten.
Maske in Prora.
Am Strand von Prora.
In der Nähe des Königsstuhls auf Rügen.
Beim Herthasee.
Der Holzmichl…
Kormorane in Sassnitz.
Kloster Zarrentin.

Rügen, die „alte Bekannte“

Mit alten Bekannten ist das so eine Sache. Sieht man sie nach Jahren wieder, wird die gegenseitige Entfremdung sehr schnell offensichtlich. Erst stellt sich ein schleichendes Unbehagen ein, welches in die Frage mündet, ob man früher in vielerlei Hinsicht noch ähnlicher war, oder einfach nur Scheuklappen getragen hat? Anschließend beginnt man sich darüber zu ärgern, daß man sich überhaupt auf eine erneute Begegnung eingelassen hat. Mit Rügen ist es uns so gegangen. Vor 20 Jahren waren wir schon mal auf Deutschlands größter Insel. Damals besuchten wir die Insel im März, heute sind wir im Oktober hier. Die Witterungsverhältnisse sind vergleichbar. Was uns damals schon aufgefallen war und auch heute noch gilt: Der Verkehr, vor allem im Ostteil der Insel ist extrem. Auf den Straßen reiht sich ein Auto an das andere. Göhren und Sassnitz haben wir wiedererkannt. Dort hat sich auf den ersten Blick in all den Jahren nicht großartig etwas verändert (bei näherer Betrachtung natürlich schon). Enttäuschend für uns ist der Besuch von Prora. Im Umfeld der Anlage entstand einiges an neuer Bausubstanz. Lagerhallen, Einkaufsmärkte, Straßen und Häuserzeilen, die den Archetypus der „Little Boxes“ aus dem Song von Malvina Reynolds erschreckend nahe kommen. Damals fuhren wir auf einer alten Betonstraße direkt an Prora vorbei und parkten vor der Anlage. Heute gibt es dort ein Parkleitsystem mit diversen kostenpflichtigen Parkplätzen. Der Sinn der an den Wegen stehenden Holzschilder mit Phantasienamen aus der Schublade der Alpenromantik erschließt sich uns nicht. Teilabschnitte von Prora sind saniert. Eine große Jugendherberge sticht ins Auge, Cafes, ein Hotel und Appartements für Betreutes Wohnen. Doch viele Lofts stehen leer. Hinter den Fenstern sind die Räume kahl, unmöbliert und unbeleuchtet. Sie warten darauf belebt zu werden. Das geschäftige Treiben und die daraus erwachsenden wirtschaftlichen Vorteile seien den Einheimischen auf alle Fälle gegönnt, allerdings verliert Prora dadurch den Charakter den es vor 20 Jahren hatte: Ein Denkmal des Größenwahns der Nazis zu sein. Der erneute Besuch der Anlage ist für uns deshalb eher enttäuschend ausgefallen. Wir laufen am Ostseestrand an den Gebäuden vorbei, trinken einen Kaffee und verlassen relativ schnell den Ort. Bei einer weiteren Sehenswürdigkeit Rügens ergeht es uns ähnlich. Der Kaiserstuhl, die berühmteste Kreidefelsformation Rügens, kam damals noch ohne Klimbim aus. Heute stehen wir nach einer drei Kilometer langen Wanderung, vor dem Nationalpark-Zentrum. Fast zehn Euro würde uns der Eintritt kosten. Und nur dann haben wir die bekannt-romantische Aussicht auf den Kreidefelsen. Wir sind nicht die einzigen die kehrt machen und von Halsabschneiderei sprechen. Schade, aber wir haben ihn schließlich vor zwei Jahrzehnten gesehen und den Parkplatz und die Entsorgung unseres Womos lassen sie sich hier auch gut bezahlen. Nichts wie weg von hier. Am nächsten Tag verlassen wir die Insel wieder. Drei Tage sind mehr als genug. Auf die Ostsee haben wir blicken können. Fast ein Jahr ist es nun her, daß sie uns in Schweden, Finnland und dem Baltikum täglich begleitet hat. Das Meer zieht uns immer wieder an, doch es hält uns nicht lange in seinem Bann. Der Kommerz und die Menschenmaßen lassen uns immer sehr schnell das Weite im Inland suchen. Dort, mit dem Womo auf Schotterplätzen hinter Dorfkirchen stehend, fühlen wir uns eher zuhause, als auf Dünen, an beliebten Seen oder an irgendeinem Strand.

Ein Jahr, ein Van, zwei Menschen – Ein Fazit?

Wir sind zurück. Wir fahren auf den Parklplatz von dem aus wir letztes Jahr um diese Zeit unsere Reise begonnen haben. Dieser Moment macht uns stumm. Wir sitzen da und sind beide in unseren eigenen Gedanken versunken. Wie schnell ein Jahr vergeht, denken wir sicher beide, während wir uns aus unseren Sitzen schälen. Die Tür zu öffnen fällt schwer. Danach sind wir wieder da. In einer Form von Realität, die für uns ein Jahr lang nichtig war. Wir mussten nichts. Wir hatten keine Verpflichtungen. Wir sind gereist. Ohne Kompaß, ohne Reiseführer, ohne Plan, ohne die Buchung für die Wohnung, den ganzen Kram, den Menschen glauben zu brauchen, um auf Reisen zu gehen. Man braucht all das nicht. Es genügt die ungefähre geografische Richtung und zwei Menschen die sich vertrauen. Gestartet sind wir im letzten Jahr Anfang Juli. Und aus heutiger Sicht müssen wir feststellen, daß das letzte Jahr an uns vorbei gerast ist. Sicher, wir waren in vielen Ländern und hatten einige schöne Begegnungen mit Menschen, die zwischen uns immer noch Gesprächsstoff sind. Aber insgesamt ging das Jahr zu schnell vorüber. Wir fragen uns, wo die Zeit geblieben ist.

Auf unserer Reise im Juni durch Deutschland haben wir uns das erste Mal im Van geduscht. Hätten wir vorher gewußt, wie unkompliziert das vonstatten geht, wären wir auf unserer Reise ohne den Besuch eines Campingplatzes ausgekommen. Auf diesen Plätzen haben wir uns gestellt, um einmal in der Woche unsere Wäsche zu waschen und uns einer umfangreichen Dusche zu unterziehen. In den nördlichen und südlichen Ländern gibt es Waschsaloons an jeder Ecke. Wir Deppen haben sie nur nicht genutzt. Ein kommunaler Stellplatz ist für unsere Bedürfnisse ausreichend. Und wenn wir in Zukunft wieder kürzere Reisen unternehmen, werden wir sicher Campingplätze meiden und nach kommunalen oder „freien“ (im deutschen Sprachgebrauch „wilden“) Stellplätzen Ausschau halten, denn die Campingplatzathmosphäre sagt uns gelinde gesagt weniger zu.

Wenn man ein Fazit wagen möchte, könnte man fragen, was uns das Jahr gebracht hat? In erster Linie eine Auszeit, die für Karin sicher heilsamer war als für mich. Karin hat auf dieser Reise (leider viel zu spät und schmerzlich) erkannt, daß es andere Lebenszusammenhänge und Sinnstiftungen gibt, um es vorsichtig auszudrücken. Und, daß vor allem Menschen da sind, die vernachlässigt wurden, die einen aber so nehmen wie man ist. Das ist schon sehr viel. Meine Frau hat wieder lachende Augen, sie beherrscht mittlerweile die Kunst des „Smalltalks“ besser als ich. Für mich wäre das Fazit genug.

Am Main entlang nach Hause

Von der Schwäbischen Alb nach Hause ist es nicht mehr weit. Wir fahren durch den fränkisch geprägten Teil Baden-Württembergs. Schwäbisch Hall ist für uns eine Entdeckung. Das Treiben dort ist äußerst quirlig und die Altstadt sehenswert. Wir übernachten dort auf einem von Wohnmobilen gut besuchten Parkplatz. Während wir in Künzelsau unser Frühstück an der Kocher zubereiten, stehen wir in Wertheim bereits am Main und diese Tatsache erzeugt bei uns ein Gefühl von Wehmut. Ist unsere Reise nun wirklich bald zu Ende? Über Tauberbischofsheim geht es weiter nach Lohr am Main, wo wir unsere letzte Nacht der einjährigen Reise verbringen. Die Städte liegen alle sehr nahe zu unserem Wohnort, doch besucht haben wir sie vorher noch nie. Schade, denn die Region hat einiges zu bieten. Die Städte sind sehr einladend und für uns eine Entdeckung. In Lohr stellen wir uns nicht auf den offizellen kommunalen Platz, auf dem bereits ca. 20 Wohnmobile stehen, sondern fahren über den Main nach Steinbach und stehen auf einem kleinen Parkplatz direkt am Main. Menschen picknicken an den Mainauen und Gassigeher ziehen vorüber. Ein schöner Platz, um ungestört unsere Reise ausklingen zu lassen. Neben uns stehen noch zwei Kastenwagenwomos, denn nur die passen in die Parkbuchsen. Wahrscheinlich wird spätestens in zwei Jahren ein „Camping Verboten“ Schild hier stehen. Traurig für Leute wie uns , aber nachvollziehbar. Wir haben den Platz wieder einmal über die App „Park4night“ gefunden. Eine wirklich gute App, die uns ein Jahr lang begleitet hat und uns in der Regel hervorragende kostenlose Übernachtungsplätze angezeigt hat. Natürlich liegt in so einer Applikation auch Fluch und Segen. Oftmals waren wir an diesen Plätzen nicht alleine. Andere haben natürlich die App ebenfalls. Und wenn das Aufkommen an Wohnmobilen an den genannten Orten überhand nimmt, manche ihren Müll dort entsorgen, wenn nicht gar ihre Toilette in die Büsche leeren, kann man die lokalen Behörden sogar verstehen, wenn sie Verbotsschilder aufstellen.

Frühstück in Künzelsau, mit Blick auf die Kocher.
In Wertheim. Im Hintergrund der Spitze Turm.
Die Altstadt von Wertheim.
Blick auf die Burg.
Im Supermarkt gefunden. Genau das Richtige zum Frühstück.
Kimchi ist lecker (Rezept).
Rathaus von Tauberbischofsheim. Im neugotischen Stil gebaut.
Tympanon an der Sebastianuskapelle in Tauberbischofsheim.
Die Cobra.
Der Main in Lohr am Main.
Deutschland hat ein Müllentsorgungsproblem.

Von Passau zur Schwäbischen Alb

Passau gefällt uns sehr gut. Die Stadt ist unaufgeregt, zumindest unter der Woche als wir sie besuchen. Seltsam sind allerdings die zahlreichen Souvenirläden in der Altstadt mit dem üblichen Kitsch. Dort findet man unter anderem Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald, die dort wie sauer Brot feilgeboten werden. Was diese Dinger in einem niederbayerischen Touristenladen zu suchen haben verstehen wir nicht so ganz. Vielleicht sind die für die Touristen aus Übersee gedacht, die im Moment die Stadt nicht besuchen. Überhaupt geht es hier im Moment ziemlich ruhig zu. Selbst die Restaurants und Cafes sind nur spärlich besucht. Die niederbayerische Landschaft gefällt uns sehr gut. Die Berge sind nicht Seele und Blick erdrückend wie in Oberbayern oder Österreich. Die Landschaft ist eher gekennzeichnet durch weite Täler in die der Blick schweifen kann, bis er mit dem Horizont verschwimmt. Seit Thüringen haben die Blühstreifen an den Äckern abgenommen. In Bayern sind sie ganz verschwunden. Selbst wenn, der niedersächsische und sachsen-anhaltinische Bauer Geld für seine Blühstreifen um die Äcker bekommt, warum interessiert das weiter südlich keinen Bauern? Als wir letztes Jahr aus Skandinavien kamen und über Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen nach Bayern fuhren, war für uns auffällig, daß Alleen nach der Überquerung der bayerischen Grenzen nicht mehr vorhanden waren. Diesmal haben wir den gleichen Eindruck, nur das die Blühstreifen ebenfalls in Bayern fehlen. Und noch etwas fällt uns auf. Wir bezeichnen es als den „misstrauischen Blick“. Bei der Durchfahrt von Dörfern, bei der Rast in den Städten werden die Hälse gereckt. Die Einheimischen schielen auf das Nummernschild, blicken uns nach. Gegrüßt wird vor allem im städtischen Raum im Vergleich zu Norddeutschland seltener, bis gar nicht. Die Grenze liegt für uns irgendwo im südlichen Sachsen-Anhalt. Schade, uns als geborene Franken hat diese Art der täglichen Begegnung sehr gut gefallen. Auffällig ist ebenfalls, daß der Fahrstil im Süden unseres Landes und vor allem in Bayern auf uns aggressiver wirkt. Dicht auffahrende Autos, die Sperrstreifen und Abzweigmarkierungen überfahren erleben wir hier häufiger, was mit den spärlich vorhanden Blitzanlagen zusammenhängen mag. Seit Norwegen finden wir eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h auf Land- und Bundesstraßen für angemessen und angenehm. Andere Länder machen es ja vor. In Belgien gilt in der Region Flandern mittlerweile 70km/h auf Landstraßen, in Frankreich ist eine Höchstgeschwindigkeit von 80km/h vorgeschrieben. Am Steuer lassen wir uns weder von einem bayerischen Wurzelsepp, noch von einem fränkischen Maulaff dazu drängen, schneller als 90 km/h zu fahren. Punkt. Werdet endlich zivilisiert ihr pupertär-egoistischen Kloßfresser.

Am Zusammenfluß der Flüsse Inn und Donau.
Donau mit Veste Oberhaus im Hintergrund.
Die Altstadt von Passau.
Altstadt mit Donau im Vordergrund und Inn im Hintergrund.
Legendäres Haus.
Fast oben auf der Veste.
Stillgelegte Boote in Zeiten von Covid-19.
Unser Stellplatz in Aidenbach.
In Neuburg an der Donau in einem „guten Lokal“.
Unser erstes Wirtshausessen seit einem Jahr. In Oberbayern gibt es natürlich Haxn.
Donauenten.

Die Schwäbische Alb halten wir für eine der am meisten unterschätzten Regionen in Deutschland.

Moselwein, Spaghetti alio e olio und reichlich Sonne im Lautertal auf der Schwäbischen Alb.
Kostenlosen Strom für die Karre, Grillplätze und Natur pur. Hier gefällt es uns.
Eine kostenlose Ver- und Entsorgung. Wir lieben es….
Wasi, Wusi, Wosi, oder so ähnlich…
Burgruine Reußenstein.

Aus der Camperküche – Eintopf und Krakensalat

Eine Gemüsesuppe kommt bei uns öfter auf den Tisch. Das Rezept haben wir an anderer Stelle bereits beschrieben. Wer es deftiger mag, kocht die Suppe etwas dicker und hat als Endergebnis automatisch einen Eintopf. Wir präferieren in der Regel die Zugabe von Nudeln, aber es geht (wenn es sein muß) auch mit Kartoffeln. Dabei entsteht so etwas ähnliches wie ein griechischer Bauerntopf. An Bord haben wir eine selbst gemischte Gyros- und Chili-Gewürzmischung. Letztere nehmen wir ebenfalls für Sauce bolognaise. Normalerweise bereiten wir mit der Mischung ein Ragu alla bolognese, heben die Hälfte der Soße auf für den nächsten Tag, verfeinern sie mit Kidneybohnen und erhalten so ein schmackhaftes Chili con Carne. Mit dem Gyrosgewürz verfeinern wir unsere „Fläschküchli“, bzw. Frikadellen, aber es eignet sich ebenfalls zum Würzen eines Gemüseeintopfes. In Verbindung mit Zuckererbsen und einem am Ende der Kochzeit zugegebenen Ei, entsteht so ein schmackhaftes Gericht.

Im Supermarkt in Aidenbach finden wir eine tiefgefrorene Krake in der Kühltheke. Natürlich packen wir die ein. In Deutschland bieten die Fischtheken meistens nur überteuerte Lachsfilets, geräucherte Makrelen und undefinierbare Fischsalate an, die hauptsächlich aus Mayonnaise bestehen. Dazu noch dieses Teufelszeug das bei uns als Pangasius bekannt ist. Ein Trauerspiel im Vergleich zu den opulenten Fischtheken in den südlichen und nördlichen Ländern Europas. Eine Krake in der Kühltheke ist da schon ein Glücksfund. Zu meinem 50. Geburtstag gibt es Krakensalat, oder etwas poetischer, Insalata di Polpo. Die Krake kann man im Wasser, oder ohne Wasser im Topf kochen, da sie selbst genügend Wasser zieht. Wir kochen sie für ca. 30 Minuten im Wasser mit Lorbeerblättern, Knoblauch, Petersilie und einer guten Prise Salz. Danach schneiden wir sie in kleine Stücke und marinieren sie in Olivenöl, klein geschnittener Petersilie, Pfeffer, Salz und Zitronensaft. Wir lassen das Ganze über Nacht ziehen und genießen das Gericht am nächsten Tag zum Frühstück, oder als Mittagssnack.

Durch Oberfranken und die Oberpfalz in den Bayerischen Wald

Mödlareuth

Auf der A9 Richtung Berlin sind wir schon des öfteren an Mödlareuth vorbeigefahren. Das kleine Dorf in der Nähe von Hof erlangte Bekanntheit, da die Mauer bzw. der „antifaschistische Schutzwall“ 🙂 das kleine Dorf in zwei Hälften teilte. Nach dem Fall der Mauer betreiben die Mödlareuther nicht nur Landwirtschaft wie eh und je, sondern haben ihr verschlafenes Nest in eine Art Museumsdorf verwandelt. Teile der Zaunanlagen, Wachtürme und diverse Warnschilder aus DDR-Zeiten sind vorhanden und können besichtigt werden. Einen alten russischen Panzer haben sie auch noch aufgetrieben und ihn an den Rand des Schotterparkplatzes gestellt, wo er als Fotokulisse für so manchen harten Kerl dient der von seiner Barraszeit schwärmt, oder technikbegeisterte Männer ins Schwärmen bringt über die Motorleistung (12 Zylinder) und Geschwindigkeit (50km/h) dieses Stahlmonsters, während die dazugehörigen Frauen ihre gelangweilten Blicke in die Ferne schweifen lassen.

Der ehemalige Grenzübergang.
Ordnung muß sein.

Steinwald

Der Steinwald ist ein bis zu 946 m  hohes Mittelgebirge im Regierungsbezirk Oberpfalz. Naturräumlich gehört er zur Haupteinheit Hohes Fichtelgebirge. Im Jahr 1970 wurde der heute 246 km² große Naturpark Steinwald gegründet. Der Name Steinwald kommt nicht, wie oftmals fälschlich angenommen wird, von der großen Zahl an Felsen und Steinen im Wald. Namensgebend war die Burg Weißenstein. Der Steinwald müsste korrekterweise der „Weißensteinwald“ heißen.

Kitschikunst gibt es überall, selbst an einer Burgruine im Wald 🙂

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg liegt heute direkt im Dorf. Damals lag sie wohl am Rande, doch der Spruch „Wir haben nichts gewußt“ (gemeint ist das Wissen über KZs im Dritten Reich) wird hier ad absurdum geführt. Spätestens, wenn man sich im Museum die Karte mit der Gesamtzahl der KZs und deren Außenlagern ansieht. Wie können, wie hier in Flossenbürg, diese mörderischen Einrichtungen vor den Einwohnern verborgen geblieben sein? Die Äcker der Bauern grenzten an das Lager. Bei einer durchschnittlichen Belegung von 2500 Gefangenen müssen nur Taube und Blinde dort gewohnt haben. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges waren hier an die 10000 Menschen zusammengepfercht. Und niemand hat irgendwas gesehen? Im Museum liegen Dokumente über Anfragen von Bauern und Handwerksbetrieben aus, die um billige Arbeitskräfte aus dem Lager bei der SS-Kommandatur ersuchen. Und heute? Bestimmte Teile der Einwohnerschaft hätten die Gedenkstätte am liebsten verhindert und auch heute sind manche nicht glücklich mit der Anlage. Das moderne Siedlungsgebiet liegt direkt daneben an einem Hang. Sitzen die Bewohner auf ihren Balkonen, oder im Garten, haben sie permanent die Gedenkstätte und ihre Besucher vor Augen. Ist es denn wirklich so schwer zu ertragen, täglich mit der eigenen nationalen Geschichte konfrontiert zu werden? Würden diese „leidgeprüften“ Siedlungsbürger ihr Häuschen mit einer 3-Zimmerwohnung in einem grauen Wohnblock in Hof tauschen? Wir glauben, nein.

Wachtürme und rechts die Kapelle, die auf Betreiben polnischer Überlebender gebaut wurde.
Links unten das Krematorium.
Im „Tal des Todes“ wurden täglich Exekutionen durchgeführt.
Der wohl bekannteste Häftling.

Im Bayerischen Wald

Bei Bayerisch Eisenstein stehen wir an der tschechischen Grenze, die wir bei einem kurzen Spaziergang überschreiten. Der Nationalpark liegt zur Hälfte auch auf tschechischer Seite. Wanderwege und Attraktionen gibt es hier zuhauf. Nur stellen wir uns die Frage, ob Wildgehege mit Luchsen und Wölfen sein müssen, um die Massen an Sonntagsausflüglern herumlärmen. Wieso läßt man die Tiere nicht in freier Wildbahn wo sie hin gehören? Die sichtbaren Pfade entlang des Zaunes zeigen sehr deutlich, daß jedes Gehege, wie groß auch immer, nur ein Gefängnis ist.

Wolf und Luchs müssen drinnen bleiben.
Heckrinder, die dem ausgerotteten Auerochsen zumindest phänotypisch nahe kommen.
Grenzbahnhof in Bayerisch Eisenstein.